Begriffserklärung: Regressiver Antikapitalismus

Der Begrifflichkeit “regressiver Antikapitalismus” schließt ein, dass nicht jede Kritik am System der kapitalistischen Vergesellschaftung fortschrittlich ist. Dies wollte die Linke lange Zeit nicht wahrhaben und will es zum Teil bis heute nicht. So wie der Antikapitalismus der Nationalsozialisten nicht ernst genommen wurde, so wenig wird heutzutage eine reaktionäre Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft zur Kenntnis genommen, wie sie von Neonazis, aber auch von radikalen Islamisten formuliert wird. Einer regressiven Kaptialismuskritik geht es nicht um die Bewahrung der Errungenschaften der Aufklärung und der bürgerlichen Demokratie, sondern darum, ein vormodernes Gesellschaftsideal zu etablieren. Gehetzt wird gegen Individualismus, westliche Dekadenz und das Finanzkapital.

Die Kritik am Finanzkapital steht meist im Zentrum einer regressiven Kaptialismuskritik, was die Totalität des kapitalistischen Systems verkennt. Dies drückte sich bei den Nazis in der Unterscheidung von “raffendem Kapital” und “schaffendem Kapital” aus. Das “raffende Kapital” wurde mit den Juden in Verbindung gebracht, als bodenlos und kosmopolitisch verleumdet. Dies ist die offene Flanke zum Antisemitismus. Das heißt nicht, dass jede Kritik an der Börse o.ä. antisemitisch sei. Dennoch läuft eine Hetze gegen “Heuschrecken” immer Gefahr, die Systemkritik zu personalisieren und dadurch die kapitalistische Vergesellschaftung nicht als „gesellschaftliches Verhältnis“ (Marx) mit abstrakten Zwängen zu begreifen, sondern die konkreten Akteure als persönlich Verantwortliche für Elend, Armut und Ausbeutung auszumachen.

Sebastian Voigt (Sympathisant [ehem. Mitglied, Ausschluss durch Beschluss der Bundesschiedskommission der Linksjugend ['solid])

Zum Weiterhören:
„Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld?“ – Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus – Mitschnitt des Vortrags von Sebastian Voigt vom 13.04.2012 in Berlin