Anmerkungen zum Antiamerikanismus

Dieser Text ist als Resultat einer Podiumsdiskussion zwischen dem Verfasser und Victor Grossmann entstanden, die Mitte November 2008 im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin stattfand. Er sollte eigentlich als Teil einer pro-contra-Debatte in einer Zeitschrift einer Berliner Basisorganisation der Linkspartei abgedruckt werden. Dies fand nicht statt.

Auch wenn keine inhaltlichen Gründe dafür ausschlaggebend waren, ist eine Chance verpasst worden, die Positionen in einer Diskussion darzustellen, die innerhalb der Partei für großen Wirbel sorgt.

Es hätte einer größeren Leserschaft die Möglichkeit geboten, sich direkt mit meinen Positionen auseinanderzusetzen. Dies wäre zu befürworten gewesen, weil meine Position oft einseitig, verzerrt und diffamierend dargestellt wird. Es ist zu bedauern, dass diese Chance von der Redaktion nicht ergriffen wurde.
Sebastian Voigt

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Anmerkungen zum Antiamerikanismus

Die Feindschaft gegen Amerika hat in Europa eine lange Tradition. Die Klage über die Kulturlosigkeit und den allgegenwärtigen Materialismus zieht sich durch die europäische Geschichte und in unterschiedlichen Formen durch das gesamte politische Spektrum.

In der Linken findet sich der Vorwurf, Amerika sei eine durch und durch kriegerische Nation, die der ganzen Welt ihren Lebensstil aufzwingen wolle. Das Problem dieser Sichtweise ist, dass sie ihre Wurzeln in der Ideologie des Antiimperialismus hat, die veraltet ist und die komplexen geopolitischen Verhältnisse nicht nur nicht begreift, sondern die Welt in Gut und Böse einteilt, um sich dann auf die Seite der vermeintlich Unterdrückten zu stellen. Somit kann der Glaube der eigenen moralischen Überlegenheit gepflegt werden.

Die Komplexität der Zustände lässt sich nicht mithilfe der schdanowschen Zwei-Lager-Theorie begreifen. Das Ende des Kalten Krieges und die Entwicklungen seit dem Massaker in New York am 11.9. 2001 haben das politische Koordinatensystem durcheinander gebracht. Die Linke ist deshalb gezwungen, ihre analytischen Kategorien kritisch zu reflektieren. Das bedeutet nicht, alles richtig zu finden, was Amerika tut. Es bedeutet aber, sich der Problematik eines weit verbreiteten Antiamerikanismus bewusst zu sein und sich der Auseinandersetzung nicht durch die Behauptung zu entziehen, eine Thematisierung dessen wolle jede Kritik an Amerika tabuisieren. Vielmehr kommt es darauf an, eine Unterscheidung zwischen einer ressentimentgeladenen Feindschaft und einer gerechtfertigten Kritik an amerikanischer Politik zu treffen. Dafür wird hier ein Vorschlag als mögliche Diskussionsgrundalge gemacht.

Die Kritik an Amerika ist antiamerikanisch, 1.) wenn sie dämonisiert, d.h. wenn Amerika mit Nazideutschland in Verbindung gebracht oder George W. Bush mit Hitler gleichgesetzt wird.
2.) wenn sie delegitimiert, d.h. wenn die bloße Existenz Amerikas als Übel betrachtet und Amerika als das Weltübel an sich gesehen wird.
3.) wenn sie Amerika mit doppelten Standards misst. So richtig eine Kritik an den Folterungen durch amerikanische Soldaten in Abu Ghraib ist, so heuchlerisch wird sie doch, wenn nicht die Zustände in demselben Gefängnis unter Saddam Hussein benannt werden. Die Mehrheit der Friedensbewegung schwieg über die Folterkeller im Irak unter der Baath-Diktatur.

Eine ernsthafte Beschäftigung mit Antiamerikanismus ist Teil der Erneuerung einer linken Gesellschaftskritik. Die Linke muss sich von obsoleten Dogmen verabschieden und die fundamentalen Veränderungen zur Kenntnis nehmen, die sich vollzogen haben. In großen Teilen der außerparlamentarischen Linken ist diese Diskussion seit längerem im Gange. Innerhalb der Partei DIE LINKE hat sie erst vor kurzem begonnen. Trotz vieler Widerstände, die von Beschimpfungen bis hin zur Abschottung gegen jegliche Debatte reichen, ist sie alternativlos. Unter anderem daran wird sich entscheiden, ob DIE LINKE. in der Lage sein wird, eine Gesellschaftsanalyse auf der Höhe der Zeit zu liefern.

Sebastian Voigt
Der Autor ist Doktorand und ehemaliger Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er sympathisiert mit dem BAK Shalom.

Empfehlenswerte Literatur zum Thema Antiamerikanismus:
• Markovits, Andrei S.: Amerika, dich hasst sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg 2004.
• Diner, Dan: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments, München 2003.

Weitere Inhalte zum Thema Antiamerikanismus:

Grundlagenwissen Antiamerianismus – Flyer des LAK Shalom Sachsen
Einführung in die Kritik des Antiamerikanismus – Mitschnitt des Vortrags von Sebastian Voigt vom 16.04.2011 in Leipzig