Xavier Naidoo & die konformistische Revolte

By ronvarence • Dec 11th, 2015 • Category: Gesellschaft, Hauptartikel

Von Chucky Goldstein, Mitglied im BAK Shalom

Nachdem die Band Mia. ihre nationalistische Wende vollzog und fortan nur noch in schwarz-rot-gold auftrat, erkannte die Süddeutsche Zeitung 2004, dass „die vaterlandslosen Zeiten in Sachen Pop nun vorbei“ seien.[i] Konnte man bis in die 80er und 90er Jahre im Pop noch das größte Reeducation-Programm der West-Alliierten erkennen,[ii] so besteht seit einigen Jahren der Konsens des deutschen Pop aus einem positiven Bezug auf die Nation und dem Verzicht jedweder Subversion. Wenn Roger Behrens in diesem Zusammenhang von einer „Diktatur der Angepassten“ spricht,[iii] dann meint er damit keine autoritäre Staatsmacht, die ihre Interessen gegenüber den einzelnen Menschen mit Zwang durchsetzt, sondern eine Gesellschaft, die ihre letzten subversiven Elemente im Rahmen der Kulturindustrie aufgegeben hat und „Widerstand“ nur noch als Ästhetik und Vermarktungsstrategie kennt.

Was genau unter dieser Diktatur der Angepassten gemeint ist, offenbarte Herbert Grönemeyer jüngst auf seiner Facebookseite, nachdem der NDR die Kandidatur des Antisemiten und selbsternannten Reichsbürger Xavier Naidoo für die deutsche Teilnahme am Eurovision Song Contest zurückgezogen hatte.[iv] Einer angeblichen „Gesinnungspolizei oder Meinungsüberwachung“ wolle er „hoffentlich 80 Millionen verschiedene Köpfe und Wahrheiten“ entgegen stellen. Nicht Naidoo sei es, der Hetze verbreite, sondern eben jene „Gesinnungspolizei“, die seinen Auftritt verhindert habe. Die totale postmoderne Beliebigkeit bei gleichzeitiger vehementer Verweigerung jeglicher Kritik an Verschwörungsideologien – das ist Grönemeyers wahres Verständnis von „Kultur“.

Xavier Naidoo als Prototyp des antimodernen Pop

Weil sich Musiker wie Xavier Naidoo erfolgreich als vermeintliche Tabubrecher vermarkten können, gesellt sich zum popkulturellen und gesellschaftlichen Mainstream, dessen sinnhafte Entsprechung sich allzweijährig anlässlich großer Fußballturniere in schwarz-rot-goldenen Massenritualen manifestiert, allerdings dann noch eine ganz besondere Form von „Rebellion“, die sich getrost als konformistische Revolte bezeichnen lässt. Ihre Besonderheit liegt in ihrer antimodernen Rückwärtsgewandtheit. Der inszenierte Tabubruch trifft dabei auf mehrheitsfähige Positionen und entfaltet deshalb eine beträchtliche gesellschaftliche Resonanz, wie das Gejammer über Naidoos Ausladung auf ein Weiteres offenbart.

Während die Diktatur der Angepassten durch die freiwillige Teilnahme aller aufrecht erhalten wird, fordert Naidoo zusammen mit Kool Savas eben jene „starken Führer“, welche Deutschland vermeintlich hinter sich gelassen hat. Naidoos Songs sind der Versuch, die Diktatur der Angepassten durch einen noch plumperen Nationalismus, durch eine noch plumpere Homophobie und durch einen offensichtlicheren Antisemitismus hinter sich zu lassen.[v] Von Rebellion im subversiven Sinne kann keinesfalls die Rede sein, denn ein wirkliches Publicityproblem haben Künstler wie Xavier Naidoo oder die immer wieder für den Echo nominierte Band Frei.Wild – die für ihr Recht auf völkischen Nationalismus eintreten – nicht.[vi]

Naidoo & Todenhöfer machen den Krieg in Syrien konsumierbar

Da überrascht es auch nicht, dass ausgerechnet ein IS-Versteher wie Jürgen Todenhöfer den neuen Friedenssong von Naidoo über seine Facebookseite veröffentlichte.[vii] In Anbetracht der gegenwärtigen medialen Dauerpräsenz von Naidoo ist es nicht verwunderlich, dass dieser Song Aufmerksamkeit bekommt. Aufmerksamkeit, die sich in Youtube-Clicks und Plattenverkäufen niederschlägt und sich damit finanziell bezahlbar macht. „Nie mehr Krieg“ ist ein unfassbar kitschiger Soulpopsong,[viii] in dem Naidoo gleich zu Beginn seine Vermarktungsstrategie als Rebell in Stellung bringt. „Ich hab gelernt, ich soll für meine Überzeugungen einstehen und meinen Glauben nie leugnen. Warum soll ich jetzt nach so langer Zeit davon Abstand nehmen, dazu bin ich nicht bereit“, so Naidoo im Song, der nur angesichts des Syrien-Einsatzes Deutschlands bereits veröffentlicht wurde und sicher einen ganzen Rattenschwanz an Promo-Maßnahmen für ein neues Albumrelease hinter sich herziehen wird.

Doch auch abseits der heuchlerischen Vermarktungsstrategie und des unerträglichen Versuchs, mittels eines Protestsongs den Krieg noch einmal konsumierbar zu machen,[ix] trumpft der Song doch mit denjenigen Ressentiments und Ideologien auf, die zur konformistischen Revolte Naidoos passen und mittels Plattenverkäufen honoriert werden: Geschichtsrevisionismus in Form einer Gleichsetzung von Muslimfeindlichkeit und Islamkritik mit dem industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden.[x] Dieses Weltbild geht einher mit der Leugnung tiefgreifender Probleme – wie etwa den Antisemitismus als Nährboden menschenverachtender Praktiken oder den Faschismus des IS – im Glauben, der Frieden im Nahen Osten und auf der Welt sei nur einen Hauch entfernt. Naidoo singt „Nie mehr Krieg“, als ob dieser Krieg nicht schon längst Realität sei, als ob der IS nicht schon längst den Krieg gegen die „Ungläubigen“ führen würde, als ob der Bürgerkrieg in Syrien nicht schon mehrere Jahre andauere.

Ideologisch liefert der konformistische Poprebell genau die einfachen Antworten, die sich jene wünschen, die an der gegenwärtigen Gesellschaft zwar irgendwie zweifeln und doch lieber ein Stück Popmusik konsumieren möchten, als sich tatsächlich mit den tiefgreifenden Problemen und Ideologien zu befassen, wie es die Bekämpfung von Antisemitismus und IS-Ideologie verlangen würde.


[i] Süddeutsche Zeitung zit. n. Conne Island (2003): „Endlich nicht mehr fremd im eigenen Land“, http://www.conne-island.de/nf/105/17.html.

[ii] Vgl. Frank Apunkt Schneider (2015): Deutschpop, halt‘s Maul. Für eine Ästhetik der Verkrampfung. Berlin: Ventil Verlag.

[iii] Roger Behrens (2003): Diktatur der Angepassten. Berlin: Transcript Verlag.

[v] Gegen den Song „Wo sind sie jetzt“, in dem Naidoo und Savas das Fehlen von „starken Führern“ beklagen, klagte die Linksjugend ['solid] wegen Volksverhetzung: Vgl. Sidney Gennies (2012): Linksjugend zeigt Xavier Naidoo wegen Volksverhetzung an, Der Tagesspiegel 14.11.2015, online: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/pop-saenger-in-der-kritik-linksjugend-zeigt-xavier-naidoo-wegen-volksverhetzung-an/7386868.html. Den Songtext gibt es hier zum Nachlesen: http://genius.com/Xavas-wo-sind-sie-jetzt-lyrics. Gänzlich unverhohlen kommt Naidoos Antisemitismus im Song „Raus Aus Dem Reichstag“ zum Vorschein, wenn er etwa von „Baron Totschild“ in Anlehnung an den jüdischen Banker Baron Rothschild schwadroniert: http://lyrics.wikia.com/wiki/Xavier_Naidoo:Raus_Aus_Dem_Reichstag.

[vi] Lediglich einige als links geltende Bands positionierten sich immer wieder gegen Frei.Wild, was bei Lifestyle-Nationalisten wie Mia. allerdings mehr wie ein geschickter Schachzug aussieht, um weiter als „hip, cool, sexy“ zu gelten, als nach tatsächlicher Kritik.

[vii] Vgl. Oliver M. Piecha (2015): Tausendundeine Terrormiliz, Jungle World 2 Juli 2015, online: http://jungle-world.com/artikel/2015/27/52228.html.

[ix] Vgl. hierzu Adornos Gedanken zu Protestsongs gegen den Vietnamkrieg: https://bersarin.wordpress.com/2009/08/05/adorno-uber-populare-musik/.

[x] Ersteres ist eine Feindschaft gegenüber Menschen aufgrund ihres Glaubens, letzteres eine Form der Religionskritik.

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