Nationalsozialismus und Stalinismus: Zur Kritik europäischer Opfermythen

By ronvarence • Jun 24th, 2015 • Category: Gesellschaft, Hauptartikel

Vor 70 Jahren kapitulierte Nazideutschland vor den Alliierten, vor 70 Jahren wurden die nationalsozialistische Herrschaft und der Holocaust beendet. Doch was ist mit den Ideologien, die zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte führten? Gab es einen Bruch oder leben sie unter neuen – demokratischen – Vorzeichen weiter? Erfolgt aus der Vergangenheit ein wahrhaftiger Antifaschismus? Oder entsteht vielmehr ein Erinnerungsnationalismus, der die deutschen Verbrechen und ihre scheinbare Aufarbeitung als Standortfaktor für Deutschland nutzbar macht?

Während die einzige konsequente und radikale Forderung „Kein Vergeben, kein Vergessen“ zu einer Phrase verkommt, werden in Deutschland die Verbrechen als allgemeines Leid, unter dem alle während des Zweiten Weltkrieges in irgendeiner Form zu leiden hatten, umgedeutet. Wo die deutschen Verbrechen aufgrund ihres Ausmaßes nicht geleugnet und vergessen werden können, schwingen sich die heutigen Repräsentanten des Rechtsnachfolgers des Dritten Reichs zu moralischen Aposteln auf, die sich aufgrund der Verbrechen der eigenen Nation besonders prädestiniert fühlen, andere in der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit zu belehren. Damit wird der Holocaust zum Gründungsmythos der heutigen deutschen Nation umgewandelt.

Mit dieser Artikelreihe möchten wir das Fortleben der nationalsozialistischen Ideologie im „geläuterten Deutschland“ aufzeigen und so dem deutschen Erinnerungsstolz an Auschwitz unsere Kritik entgegen setzen. Den Anfang der Artikelreihe bildet unser Beitrag aus der 70 Years Broschüre zum E-Day Wiedergutmachung ohne Schuld – die Beziehungen zu Israel als Legitimationsideologie der konservativen Nachkriegsrepublik. Der nächste Beitrag analysiert die Erinnerungspolitik auf EU-Ebene anhand des 23. August als europäischen Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus.

Nationalsozialismus und Stalinismus: Zur Kritik europäischer Opfermythen

Seit dem Jahr 2009 wird der 23. August als europäischer Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus durch die EU und ihre Mitgliedsstaaten begangen. Damit nimmt der Tag Bezug auf den Abschluss des „Nichtangriffspakts“ zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Jahr 1939. Mit dem Pakt ging zugleich die Aufteilung Polens, Estlands, Litauens und Lettlands zwischen Deutschland und der Sowjetunion in zwei Interessensphären einher. Selbstgestecktes Ziel des Gedenktages sei es nun, die Erinnerung an die Opfer stalinistischer und nazistischer Aggression wachzuhalten, Demokratie, Frieden sowie Stabilität auf dem Kontinent zu fördern und das Zusammenwachsen der europäischen Gesellschaften durch eine gemeinsame Sicht auf Nationalsozialismus und Stalinismus als gemeinsames europäisches Erbe zu begünstigen.[1]

Weil durch die EU der Holocaust als zentraler negativer Gründungsmythos bemüht wurde,[2] geht nun mit dem 23. August als europäischen Gedenktag der Versuch einher, insbesondere die Sensibilisierung für die Auswirkungen und die Bedeutung der Sowjetzeit auf die Bürgerinnen und Bürger post-kommunistischer EU-Staaten zu fördern. So sind mit der EU-Osterweiterung im Jahr 2003 vor allem Länder der ehemaligen Sowjetunion beziehungsweise des ehemaligen Ostblocks Mitglieder der EU geworden, in denen dem Holocaust – anders als in den westeuropäischen Gesellschaften – eingedenk der sowjetkommunistischen Verbrechen keine zentrale Bedeutung in der vorherrschenden nationalen Erinnerungspolitik zugeschrieben wird. Sofern der Holocaust überhaupt eine Rolle beim EU-Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus spielt, dann lediglich als Orientierungspunkt für antitotalitäre Diskurse zur Bewertung sowjetkommunistischer Verbrechen, wie etwa die Prager Erklärung von 2008 offenbart, die unter anderem von Joachim Gauck, heute Bundespräsident Deutschlands, unterzeichnet wurde. Sie kann als programmatische Vorarbeit zur Ausrufung des 23. August als europäischen Gedenktag gewertet werden. In dieser heißt es, der 23. August diene als „a day of remembrance of the victims of both Nazi and Communist totalitarian regimes, in the same way Europe remembers the victims of the Holocaust on January 27th“.[3]

Überlegungen zum 23. August 1939 und seine heutige Bedeutung

Auf EU-Ebene fungierte eine aus etwa 35 Abgeordneten des EU-Parlaments bestehende fraktionsübergreifende informelle Gruppe als Koordinationsinstanz zur Verbreitung und Institutionalisierung des antitotalitär daherkommenden Geschichtsbildes. Sie wurde geführt von der ehemaligen lettischen EU-Kommissarin Sandra Kalniete, deren Eltern durch die Sowjetführung nach Sibirien deportiert wurden. Nationalsozialismus und Stalinismus als „gleichermaßen verbrecherisch“[4] zu bezeichnen, wie Kalniete mehrfach verlautbarte und wie dies auch die Prager Erklärung sowie der Gedenktag am 23. August implizieren, ignoriert allerdings die Tatsache, dass sich die Verbrechen des Nationalsozialismus von anderen Genoziden durch ihren inhärenten Vernichtungsantisemitismus eklatant unterscheiden: „Die Vernichtung der Juden mußte nicht nur total sein, sondern war sich selbst Zweck – Vernichtung um der Vernichtung willen –, ein Zweck, der absolute Priorität beanspruchte.“[5]

Dennoch bleibt trotz der Singularität des Holocausts der 23. August 1939 zweifelsohne ein Schlüsselereignis, dass die ambivalente Rolle der Sowjetunion in der Geschichte offenbart: Einerseits symbolisiert der vorherige Abschluss des „Nichtangriffspakts“ am 23. August 1939 die diplomatische Vorarbeit zum Überfall auf Polen durch Deutschland, welcher wiederum erst den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert. Welche existenzielle Gefahr mit dem Pakt verbunden war, mussten nicht zuletzt auch aus Deutschland stammende Kommunistinnen und Kommunisten spüren. Viele aus Deutschland in die Sowjetunion geflohene Antifaschistinnen und Antifaschisten wurden nach Besiegelung des Pakts an das nationalsozialistische Regime ausgeliefert. Das Wort „Faschismus“ verschwand aus den Zeitungen der Kommunistischen Internationale und der Sowjetpresse, der neue Hauptfeind wurde nun der englisch-französische Imperialismus.[6] Kritische Kommunistinnen und Kommunisten, die bereits in deutschen Zuchthäusern inhaftiert waren und nicht durch eine Linientreue zur Sowjetunion geblendet waren, kritisierten den „Nichtangriffspakt“ auf das Schärfste und leiteten daraus zu Recht eine schonungslose Kritik am Stalinismus ab, wie etwa das KPD-Mitglied Heinz Brandt, der im Zuchthaus Brandenburg inhaftiert war: „Wer, wie wir, im Faschismus den Todfeind sah, konnte an seinem jetzigen Helfershelfer, dem Stalinismus, nicht vorbeigehen, mußte auch ihn bekämpfen.“[7]

So wichtig also eine kritische Reflexion der Implikationen des 23. August ist, so wenig kann sie aber durch den heutigen antitotalitären Duktus á la Kalniete erschlossen werden. Den Zweiten Weltkrieg als Endkampf zwischen den Demokratien auf der einen Seite und den totalitären Regimen auf der anderen Seite heraufzustilisieren, wie dies der 23. August als EU-Gedenktag suggeriert, ist schlichtweg ahistorisch. An der Zerschlagung der demokratischen Tschechoslowakei 1938 als Ergebnis der Münchener Konferenz war etwa auch Polen beteiligt, das zwischenzeitlich mit Nazideutschland kooperierte und ebenfalls ein autoritärer Staat war. Letztendlich aber wurde der Zweite Weltkrieg von Deutschland begonnen – nicht von der Sowjetunion. Die UdSSR hingegen war zentrale Kraft, welche Nazideutschland in Ost- und Mitteleuropa militärisch niederrang und mit der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Ende der Massenvernichtung des europäischen Judentums einleitete. Doch dem wird der 23. August als EU-Gedenktag in keiner Weise gerecht. Im Gegenteil, die Forderung „Nie wieder Auschwitz“ wird allmählich durch die diffuse Formel „Nie wieder Totalitarismus“ ersetzt.[8]

Europäisierter Opfermythos

So bleiben am Ende nur Opfer, aber keine Täter. Welche Auswirkungen das auf das verbreitete Geschichtsbild hat, ist insbesondere in den baltischen Staaten zu beobachten. Nachdem die UdSSR gemäß der deutsch-sowjetischen Einteilung der Interessensphären die Kontrolle über die nach dem Ersten Weltkrieg gebildeten Staaten Estland, Litauen und Lettland übernahm, wurde die deutsche Armee in eben jenen Staaten als Befreierin gefeiert, nachdem diese die sowjetischen Besatzer nach dem Angriff auf die UdSSR vertrieben hatten. Während der baltischen Kollaboration mit Deutschland kamen dann schätzungsweise 95 % der baltischen Jüdinnen und Juden um. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kollaboration ist in den baltischen Staaten vielmehr die These vom „doppelten Genozid“ verbreitet, den die baltischen Staaten sowohl von der Sowjetunion als auch von Nazideutschland erlitten hätten.[9] Dieser Narrativ erklärt sich möglicherweise aus dem Versuch, die Geschichte der noch relativ jungen baltischen Staaten, welche erst 1991 ihre Souveränität von der Sowjetunion wiedererlangten, reinzuwaschen. Da verwundert es wenig, dass Sandra Kalniete in ihrer Wahrnehmung die 80.000 Letten in der lettischen SS-Legion sowie weitere 30.000 im Dienst der lettischen Polizei geflissentlich verschweigt. Die Mär vom „doppelten Genozid“ stellt die baltischen Kollaborateure bei der Judenvernichtung zuweilen rein affirmativ als antisowjetische Widerstandsgruppen dar, womit das Involvieren am Holocaust verdrängt wird. Hierzu gehört etwa die Litauische Aktivistenfront, die nach der sowjetischen Besatzung in Berlin gegründet wurde. Heute wird sie im Genozid-Museum Rigas als Positivbespiel dargestellt, ohne die Beteiligung am Holocaust überhaupt zu erwähnen. Damit wird nicht nur die eigene Geschichte reingewaschen, auch antisemitische Stereotype zur Relativierung der baltischen Kollaboration kommen zum Vorschein: „In the worst traditions of anti-Semitism, the Lithuanian Activist Front that led the genocide of Litvak Jewry saw Jews and Communists as one. Therefore, if the Jews are regarded in the public mindset as being responsible for the Lithuanian suffering then what happened to the Jews once the Soviets left in 1941 is understandable: Communists (Jews) killed Lithuanians and then Communists (Jews) got killed.“[10]

Die antisemitische Komponente dieses Geschichtsverständnisses hat bis heute Nachwirkung bis hin zu juristischen Verfahren gegen Anhänger antifaschistischer Widerstandsgruppen. Oftmals hatten sich nämlich Jüdinnen und Juden pro-sowjetischen Widerstandsgruppen im Kampf gegen Deutschland und seinen Kollaborateuren angeschlossen. Diesen droht heute die Beschuldigung an der Beteiligung an „kommunistischen Kriegsverbrechen“. Auch die Kritik an der „doppelten Genozid“-These kann als Leugnung „kommunistischer Kriegsverbrechen“ gewertet werden. Ein besonders prominentes Beispiel war der Fall Yitzhak Arad, dem Gründungsdirektor der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Litauische Behörden ermittelten gegen Arad als ehemaliges Mitglied einer pro-sowjetischen Widerstandsgruppe wegen der angeblichen Beteiligung an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.[11] Erst nach internationalem Druck wurden die Ermittlungen eingestellt. Die Liste dieser Vorfälle ließe sich aber beliebig weiterführen.

Ausblick

Eine Erinnerungsideologie, in der das eigene Volk als unschuldiges Opfer verstanden wird, um die Beteiligung der eigenen Bevölkerung in das sowjetische oder nationalsozialistische Herrschaftssystem zu externalisieren, gehört grundsätzlich überall und jederzeit kritisiert. Statt der EU-weiten Erzählung von Opfermythen braucht es vielmehr eine juristische, politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über die eigene Beteiligung. Das gilt universell – und so auch für die politische Linke. So sehr eine Kritik der verbreiteten Opfermythen notwendig ist, so wenig sollte sie mit der Relativierung des Stalinismus einhergehen. Schließlich war das Ende des kommunistischen Emanzipationsversprechens allerspätestens mit dem am 23. August 1939 erfolgten „Nichtangriffspakt“ mit Deutschland besiegelt.


[1] Vgl. Europäisches Parlament (2009): Europas Gewissen und der Totalitarismus. Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus, P6_TA(2009)0213.

[2] Vgl. Schmid, Harald (2008): Europäisierung des Auschwitzgedenkens? Zum Aufstieg des 27. Januar 1945 als „Holocaustgedenktag“ in Europa, In: Jan Eckel / Claudia Moisel (Hrsg.): Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive, Göttingen, S. 174-202.

[3] Prague Declaration on European Conscience and Communism, zit. n. Stefan Troebst (2011): Der 23. August als euroatlantischer Gedenktag? Eine analytische Dokumentation, In: Anna Kaminsky, Dietmar Müller, Stefan Troebst (Hrsg.): Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer, Göttingen, S. 97.

[4] Kalniete, Sandra zit. n. Claus Leggewie (2011): Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München, S. 23.

[5] Postone, Moishe (2005): Antisemitismus und Nationalsozialismus, In: Ders.: Deutschland, die Linke und der Holocaust, Freiburg, S. 177.

[6] Vgl. Leonhard, Wolfgang (1989): Die aktuelle Diskussion über den Hitler-Stalin-Pakt in der Sowjetunion, In: ders.: Der Schock des Hitler-Stalin-Paktes, München, S. 248-254.

[7] Brandt, Heinz zit. n. Wolfgang Leonhard (1989): Schockwellen in der kommunistischen Weltbewegung, In: ders.: Der Schock des Hitler-Stalin-Paktes, München, S. 100.

[8] Vgl. Hammerstein, Katrin / Hofman, Birgit (2009): Europäische „Interventionen“. Resolutionen und Initiativen zum Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, In: Katrin Hammerstein / Ulrich Mählert / Julie Trappe/ Edgar Wolfrum (Hrsg.): Aufarbeitung der Diktatur – Diktat der Aufarbeitung? Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen, S. 196.

[9] Vgl. Katz, Dovid (2010): Why is the US silent on ‘double genocide’?, The Guardian 21. Dezember 2010.

[10] Ben-Moshe, Danny (2012): Saying no to ‘double genocide’, The Jerusalem Post 3. Dezember 2012.

[11] Vgl. Katz, Dovid (2011): Understanding ‘Double Genocide’: a lethal new threat to Holocaust memonry and honesty, Jewish Holocaust Centre Melbourne.

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