BAK Shalom AG NRW: Marx is Muss, aber nicht so

By ronvarence • Apr 19th, 2015 • Category: linksjugend ['solid]

Vom 14.-17. Mai wird in Berlin der „Marx is Muss Kongress“ der Organisation marx21 stattfinden. Aufmerksamen Beobachter*innen der Strömungen und Netzwerke innerhalb der Partei Die Linke und der Linksjugend mag sogleich einleuchten, warum wir uns überhaupt mit einem von dieser Organisation veranstalteten Kongress beschäftigen. Das trotzkistische Netzwerk Marx 21 ist nämlich neben der Stalinist*innen-Szene die weithin dominierende Gruppierung innerhalb der Linksjugend NRW. Mit Jules El-Khatib haben sie sogar ein Mitglied des Landesvorstand der Partei Die Linke in ihren Reihen, der zudem auch federführend das in traditionslinken Kreisen recht populäre Blog „Die Freiheitsliebe“ betreibt.

Themen, wie sie in der „Freiheitsliebe“ behandelt werden, dominieren auch den Kongress in Berlin. Das Thema Israel darf natürlich nicht fehlen und so wurde der antizionistische israelische Historiker Ilan Pappe eingeladen, um über die Entstehung des Staates Israel zu reden. Pappe ist Befürworter der sogenannten „Ein-Staaten-Lösung“ also des Endes Israels als jüdischer Staat. Die inhaltliche Stoßrichtung seines Vortrages ist also bereits abzusehen. Dazu passt sehr gut eine Veranstaltung zur Geschichte der Hamas, in deren Ankündigungstext es heißt:
„Die Hamas ist das Schreckgespenst, mit dem Bundesregierung und Medien die brutale Bombardierung des Gaza-Streifens durch die israelische Armee gerechtfertigt haben. Sie sei eine radikalislamische Terrororganisation.Doch über dieses Brandmal hinaus ist in breiten Teilen der deutschen Bevölkerung praktisch nichts über die Hamas bekannt, nicht einmal der Name der Regierungschefs in Gaza.“

Der Referent Tamer Khorma und Marx21 haben sich vermutlich gedacht: Man muss die Hamas einfach nur mal richtig kennenlernen, dann erfährt man schon, dass die bösen Medien sich den eliminatorischen Antisemitismus der Hamas einfach nur ausgedacht haben, weil sie alle so besonders israelfreundlich sind. Ob die Charta der Hamas in dieser Veranstaltung ein Thema sein wird? Es darf bezweifelt werden!

Auch nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo sieht Marx21 anscheinend keine Notwendigkeit, sich mit den islamistischen Attacken auf die grundlegendsten bürgerlichen Freiheiten auseinanderzusetzen. Stattdessen wird unbeirrt daran festgehalten, „Islamfeindlichkeit“ sei Rassismus, der nur vorgeblich aufklärerische Errungenschaften verteidige und damit besonders gefährlich sei. Eine Differenzierung zwischen dumpfem xenophoben Ressentiment und Kritik am Islam als Konkretisierung marxistischer Religionskritik sucht man vergeblich. Letzerer ginge es nämlich um die Abschaffung der Zumutungen, denen der Einzelne in religiösen Zwangskollektiven ausgesetzt ist. Dass dies nicht die Sache von Marx21 ist, zeigt sich auch an einer Veranstaltung unter dem Titel „Femen, Kopftuchverbot: Wie muslimische Frauen sich gegen Bevormundung wehren“. Es ist ein durchaus legitimes Anliegen, auf Konflikte hinzuweisen, die sich durch die sichtbare Ausübung einer Religion in einer säkularisierten Gesellschaft ergeben, doch diese Veranstaltung in der Kategorie „Frauenbefreiung im 21. Jahrhundert“ laufen zu lassen ist nicht weniger als eine Verhöhnung all jener Frauen, die tagtäglich um die Befreiung von der Religion kämpfen. Solche Prioritäten sind bei Marx21 jedoch nichts Neues. In zahllosen Publikationen werden sie nicht müde, zu betonen, dass (fast) alle muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen, dies auch freiwillig tun. Der Begriff von Freiwilligkeit, der dabei zugrunde gelegt wird, ist so weit gefasst, dass nur direkter Zwang in Form von Gewalt oder die Androhung von Gewalt davon ausgeschlossen ist. Unbewusst internalisierte Zwänge, die eine leichtfertige Unterscheidung von Freiwilligkeit und Zwang verhindern, scheint es für Marx21 also nicht zu geben.

Bei Marx21 hat man jedoch nicht nur ein Problem mit Israel und der Befreiung von der Religion sondern auch mit jeder vernünftigen Form von Kapitalismuskritik. So wird in der Veranstaltung “Im Herzen der Bestie: Klassenkampf in den USA” zwar völlig zurecht die schwierige soziale Lage weiter Teile der Bevölkerung in den USA angeprangert, doch mit der Formulierung “Herz der Bestie” kein Beitrag zu einer marxistischen Analyse geliefert. Der Kapitalismus ist eben kein territorial eingrenzbares Phänomen und hat auch nirgendwo einen Ursprungspunkt oder eine Zentrale, von der aus er gesteuert wird. Ebenso wenig ist der Kapitalismus, wie mit dem Begriff “Bestie” unterstellt, ein vorstellbares Subjekt, dessen Herz die USA ist. Das Bedürfnis nach Personifikation gesellschaftlicher Verhältnisse zeigt sich auch beim Thema Gentrification, welches auf die einfache und geradezu lächerliche Formel gebracht wird: „Wer ist schuld? Sind es die Yuppies, die Investoren oder beide?” Die Suche nach konkreten Einzelpersonen und Gruppen, die man für diverse Mißstände im Kapitalismus als Schuldige dingfest machen kann, hat höchstens etwas mit Ressentiment zu tun, nicht aber mit marxistischer Kritik der politischen Ökonomie.

Zwar schafft es das Netzwerk Marx21 in keiner Weise, seinem Namen gerecht zu werden, dennoch möchten wir nicht behaupten, dass es sich bei dieser Konferenz um einen Totalausfall handelt. Eine Veranstaltung, die sich der historisch-materialistischen Analyse von Game of Thrones widmet, verspricht zumindest ein gewisses Unterhaltungspotential und sinnvoller als ein Vortrag von Christine Buchholz über Außenpolitik ist sie auf jeden Fall.

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Dies ist ein Text der BAK Shalom AG NRW.

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