DIE LINKE und die Antisemitismusdebatte: Was bleibt?

By ronvarence • Jun 5th, 2013 • Category: DIE LINKE, Hauptartikel

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Mit folgendem Text von Dr. Klaus Lederer, Landesvorsitzender der Partei Die Linke in Berlin, wird heute die Artikelreihe „Drei Jahre nach der ‚Free Gaza‘-Flotte – drei Beiträge zum Antisemitismus inner- und außerhalb der LINKEN“ weitergeführt. Nächte Woche endet sie mit einem Artikel von Daniel Poensgen über den israelbezogenen Antisemitismus der Mitte.

Zwei Jahre ist es her, dass Die Linke sich durch politische Konkurrenz, Medien und Akteur*innen aus dem ge­sellschaftlichen Raum dem Vorwurf ausgesetzt sah, antisemitische Positionen in ihren Reihen zu­min­dest zu dul­den und sie zu bagatellisieren. Auslöser war ein Flugblatt, gefunden auf der Webseite der Duis­bur­ger Lin­ken, welches üble antisemitische Stereotype enthielt – der Spiegel hatte am 27. April 2011 darüber be­rich­tet. Postwendend distanzierten sich die Duisburger- und die NRW-Linke von diesem Machwerk. Zweifel blie­ben dennoch: Weshalb konnte eine antisemitische Hetzschrift nahezu ein halbes Jahr, unbemerkt von der Par­tei, auf ihrer Internetseite abgerufen werden? Als kurze Zeit später die Politikwissenschaftler Samuel Salz­born und Sebastian Voigt den Text „Antisemiten als Koalitionspartner?“[1] veröffentlichten, wallte die Debatte er­neut auf. In der Partei selbst, aber auch in der Öffentlichkeit wurde erbittert gestritten. Der Deutsche Bun­des­tag führte schließlich sogar eine Aktuelle Stunde zu den Ausführungen Salzborns und Voigts durch.

Zerreißproben

Die Linke wehrte sich daraufhin vehement gegen den öffentlich erhobenen Vorwurf, antisemitischen Denk­mus­tern Vorschub zu leisten. Ohne Gegenstimme beschloss der Parteivorstand am 21. Mai 2011: „Es ge­hört zum Bestand Linker Grundpositionen, gegen jede Form von Antisemitismus in der Gesellschaft vor­zu­ge­hen. Rechtsextremismus und Antisemitismus haben in unserer Partei heute nicht und niemals einen Platz. Die Linke tritt (…) mit Partnern entschieden gegen antisemitisches Gedankengut und rechts­ex­tre­mis­tische Hand­lungen auf.“[2] Die Linke-Bundestagsfraktion folgte diesem Beschluss am 7. Juni 2011 – ein­stim­mig, wie ein Fraktionssprecher versicherte.

Das war ganz klar der Versuch, durch eindeutige Positionierung aus der Defensive zu kommen. Wäre es hier­bei geblieben, hätte das sogar gelingen können. Dem Beschluss war jedoch eine Aussage zum Nahost-Kon­flikt hinzugefügt: „Wir werden uns weder an Initiativen zum Nahost-Konflikt, die eine Ein-Staaten-Lö­sung für Palästina und Israel fordern, noch an Boykottaufrufen gegen israelische Produkte noch an der dies­jäh­rigen Fahrt einer Gaza-Flottille beteiligen. Wir erwarten von unseren persönlichen Mitarbeiterinnen und Mit­ar­bei­tern sowie den Fraktionsmitarbeiterinnen und Fraktionsmitarbeitern, sich für diese Position ein­zu­set­zen.“[3]

Nur kurze Zeit später wurde bekannt, dass sich ein Drittel der Linken-Abgeordneten an dieser Ab­stim­mung nicht beteiligt hatten. Fortgesetzt wurde diese Entscheidung nun aus den eigenen Reihen kritisiert und auch ex­plizit missachtet. „Undemokratisch und gefährlich“ sei dieser Beschluss, so die Bundes­tags­ab­ge­ord­nete Annette Groth gegenüber der ARD, eine „Aufkündigung der internationalen Solidarität“.[4] Der Be­schluss, so er­gänzt sie in einer persönlichen Erklärung, sei „nur durch psychologischen Druck zustande“ ge­kom­men und werde von ihr nicht mitgetragen.[5] Andere Abgeordnete dagegen, so die Bundestags­vi­ze­prä­si­den­tin Petra Pau,[6] verteidigten die gefundene Position vehement und nachdrücklich als existenziell für Die Linke.

Die Emotionalität der öffentlichen Debatte unter den Beteiligten nahm Züge an, die Beobachter*innen daran zwei­feln ließen, die Linke-Bundestagsfraktion könnte diese Auseinandersetzung unbeschadet überstehen. Mit dem Ziel, die hochgepeitschten Wogen zu glätten, wurde dann am 28. Juni 2011 per Beschluss nachgelegt. „Wir wer­den als Linke weiterhin die Politik der israelischen Regierungen gegenüber den Palästinenserinnen und Pa­läs­tinensern öffentlich kritisieren, wann immer dies wegen deren Völker- und Men­schen­rechts­wi­drig­keit not­wen­dig ist. (…) Es ist nicht hinnehmbar, wenn einer derartigen Kritik an der Politik der israelischen Re­gie­rung mit dem Vorwurf des Antisemitismus begegnet wird. Wir werden nicht zulassen, dass Mitglieder un­serer Frak­tion und Partei öffentlich als Antisemiten denunziert werden, wenn sie eine solche Politik der is­ra­elischen Re­gie­rung kritisieren. (…) Die inflationäre Verwendung des Begriffs des Antisemitismus schadet dem Kampf ge­gen ihn.“[7]

Auch in der Partei selbst wurde intensiv weiter diskutiert und gestritten. Mit ihrem Beschluss über ein Par­tei­pro­gramm am 23. Oktober 2011 in Erfurt bekannte sich Die Linke schließlich klar zur deutschen Ver­ant­wor­tung für den millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden. Sie leitete daraus die Verpflichtung ab, ge­gen je­den Antisemitismus einzutreten und bekräftigte ihr Engagement für das Existenzrecht Israels und eine Zwei-Staa­ten-Lösung im Nahen Osten.[8] Mit dieser programmatischen Aussage war die Debatte in ihrer Zu­spit­zung und Schärfe erst einmal beendet. Die Schlussfolgerung ist zulässig, dass mit der im Par­teiprogramm ge­fun­denen Formulierung der Konsens der überwältigenden Zahl von Mitgliedern der Partei Die Linke nie­der­ge­legt ist.

Konflikte

Die erfreuliche Positionierung im Linke-Parteiprogramm darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es so­wohl un­ter, in der Partei organisierten, Linken als auch im „linken Spektrum“ im weitesten Sinne eine Reihe von Kon­flikten gibt. Diese Konflikte können auch durch Beschlüsse nicht einfach abgehakt werden, sondern be­dürf­ten der weiteren Bearbeitung. Das Bekenntnis des Parteiprogramms markiert allerdings die Grenzen, die für den Meinungsstreit gesetzt sind.

Die Behauptung, in der Partei Die Linke „tummelten sich“ – im Gegensatz zu den anderen Bun­des­tags­par­teien – massenhaft Antisemit*innen, die unwidersprochen ihrem Treiben frönen dürften, ist zweifelsohne Un­sinn. Die Belege des Gegenteils, klare Verurteilungen und Positionierungen, gibt es zahlreich. Sie sind und wa­ren nicht zuletzt Ergebnis und Ausdruck von Debatten, die bereits seit längerer Zeit in der PDS/Links­par­tei.PDS/Die Linke geführt worden sind und ihr Selbstverständnis als moderne linke Partei betrafen.[9] Dabei ging und geht es immer auch um das historische Erbe der Linken als Bewegung, vor allem aber um die Kon­se­quenzen, die heute – und im Wissen um den Holocaust – aus diesem historischen Erbe zu ziehen sind. Vor die­sem Hintergrund gab es bereits vor 2011 klare Absagen in Partei und Fraktion der Linken zu anti­se­mi­ti­schen Stereotypen, Bekenntnisse zur Zweistaatenlösung im Nahen Osten und die Betonung des Existenz­rechts Israels.

Das eigentliche Problem lag und liegt auch heute noch tiefer. Die Frage ist, welche konkreten und prak­ti­schen Fol­gen die verbale Absage an antisemitische Denkmuster für die konkrete Politik der Partei Die Linke und für ihre Funktions- und Mandatsträger*innen hat? Welche Politik Deutschlands und welche Haltungen der Lin­ken dürfen mit Blick auf die deutsche Geschichte, auf „das Gewand“ des modernen Antisemitismus und in Bezug auf den Nahost-Konflikt vertreten werden und welche nicht? Diese Frage wird Die Linke wei­ter be­schäftigen. Insoweit war dieser „Ausbruch“ des Konflikts 2011 in der Partei auch erst der Anfang der De­bat­te, immerhin mit dem beschriebenen parteiprogrammatischen Ergebnis. Es wäre auch viel zu kurz ge­grif­fen, die innerparteiliche Debatte ausschließlich als Reflex auf die breite Kritik und Geißelung, auf die los­ge­bro­chene öffentliche Diskussion, zu reduzieren.

Ja, es handelt sich nicht einmal ausschließlich um eine spezifisch „linke“ Debatte oder um ein spezifisch „linkes“ Problem. Das vermag auch die Vehemenz der medialen Kritik und die Zuspitzung aus den Reihen der anderen Bundestagsparteien zu erklären. Denn auch außerhalb linker Zusammenhänge wird diese Dis­kus­sion immer wieder geführt. Hin und wieder wird das anhand von Äußerungen Einzelner deutlich, erinnert sei an Namen wie Jürgen W. Möllemann (FDP), Martin Hohmann (CDU), Jamal Karsli (Grüne) und Thilo Sar­ra­zin (SPD). Die Konzentration der Vorwürfe auf Die Linke erleichterte es der Konkurrenz sicherlich auch, von den eigenen blinden Flecken, Defiziten und Baustellen abzulenken.

Das macht es aber für Die Linke nicht besser. Dass konkurrierende Parteien und andere Akteur*innen im öf­fent­lichen Diskurs das Thema in durchaus unredlicher Weise für Diffamierung, Simplifizierung und Pau­scha­li­sierung benutzen, darf nicht zu „linkistischer“ Wagenburgmentalität verleiten. Es ist in diesem Zu­sam­men­hang zumindest erwähnenswert, dass empirische Untersuchungen der Anhänger*innen der Linken die nie­drigste Reproduktion antisemitischer Stereotype bescheinigen.[10] Aber es gibt sie – das dürfte als Beleg für die Not­wendigkeit der Debatte genügen.

Mit dem schwerwiegenden Vorwurf des Antisemitismus muss vorsichtig umgegangen werden. Die Un­haltbarkeit solch ebenso instrumenteller wie geschichtsblinder Thesen wie sie Michael Wolffsohn for­mu­lierte, die Linke sei antisemitisch und „muss es sein, wenn sie links sein will“,[11] ist unübersehbar und er­leich­tert nur Versuche, eine differenzierte Debatte zu unterbinden. Gleiches gilt für das unkritische „Ab­fei­ern“ jeg­licher israelischer Regierungsakte. Dabei ist eine solche sensible Debatte über die real vorhandenen Pro­bleme genau das, was wir brauchen: offen und ehrlich, sachlich und selbstkritisch, mit einem sensiblen Ge­spür für die Widersprüche und Grauzonen, für die komplexen Konfliktlagen und unzulässige Ver­zer­run­gen, für progressive Perspektiven einer internationalistischen Linken.

Grenzziehungen

Es wäre naiv anzunehmen, Antisemitismus stelle in einer linken Partei schon qua Selbstverständnis kein ernst­haf­tes Problem dar. Die Linke ist Teil dieser Gesellschaft. Sie bezieht die in ihr vertretenen Traditionen, Po­si­tio­nen und Sichtweisen aus den konkreten Auseinandersetzungen und überkommenen Sichtweisen in­ner­halb der Gesellschaft. Antisemitische Denkmuster sind in bedenklich großen Teilen der Bevölkerung Deutsch­lands nach wie vor verbreitet.[12]

Kaum jemand, die oder der sich als „links“ versteht, wird sich selbst für antisemitisch halten. Um ge­schlos­se­ne antisemitische Weltbilder geht es auch in den seltensten Fällen. Das Problem sind Handlungen und Ab­sich­ten, die von denjenigen, die sie vertreten, gar nicht als antisemitisch wahrgenommen werden, die sich aber in der verhängnisvollen Grauzone bewegen, in der eine klare Abgrenzung zu antisemitischen Ste­reo­ty­pen und Res­sentiments unmöglich ist. Naive „Solidarisierungen“ mit objektiv reaktionären „nationalen Be­frei­ungs­be­we­gungen“ oder „Unterdrückten“ werden schnell zur offenen Flanke gegenüber Antisemit*innen und zum An­dock­feld für „Querfront“-Strategien.

Das ist für eine ernstzunehmende Linke ein unhaltbarer Zustand. Das macht klare und deutliche Grenz­zie­hun­gen unabdingbar. Solche Grenzziehungen müssen in einer offenen Auseinandersetzung erarbeitet werden. Das fängt bereits bei der landläufig oft zu hörenden Aussage an, man werde „Israel doch wohl noch kri­ti­sie­ren dürfen.“ Hierin steckt bereits die implizite These, es gebe eine Art Machtkartell oder dunkle Ver­schwö­rung, mit Hilfe derer jede Kritik an Israel unterdrückt werde. Israels Regierungspolitik unterliegt fak­tisch so­wohl in der israelischen Gesellschaft als auch anderenorts permanent der Kritik.[13] Daran ist überhaupt nichts aus­zusetzen. Das ist selbstverständlich und geschieht alltäglich, ohne dass es hierzu besonderen Auf­he­bens be­darf. Dass sich unter dem Rubrum „Israelkritik“ aber nicht selten schlichtweg antisemitische Res­sen­ti­ments ver­bergen, ist ebenso unverkennbar.

Die Herausforderung besteht darin, die Äußerungen in ihrem diskursiven Kontext zu betrachten und zu be­wer­ten. Antisemitische Äußerungen kleiden sich besonders gern als Tabubruch. Das geschieht in Formen, „die durch ihre Implikationen, auch durch einen gewissen Gestus des Augenzwinkerns, den Antisemitismus näh­ren.“[14] Die EU-Arbeitsdefinition Antisemitismus[15] oder der sogenannte 3-D-Test Natan Sharanskys[16] können für die Debatte zur notwendigen Grenzziehung helfen und herangezogen werden, um sich der Grauzonen anti­se­mi­tischer Stereotype bewusst zu werden.

Hierzu gehört ganz gewiss die Dämonisierung Israels, also die Darstellung als „Inbegriff des Bösen“, wenn bei­spielsweise Israelis mit Nazis, palästinensische Flüchtlingslager oder der Gaza-Streifen mit Ausch­witz ver­glichen werden oder von einem „Holocaust am palästinensischen Volk“ die Rede ist. Auch das ge­bräuch­liche Anlegen von Doppelstandards (im Vergleich zur Politik anderer Regierungen) bei der Kritik an is­ra­e­li­scher Regierungspolitik (oft schlicht verkürzend „an Israel“) ist an antisemitische Ressentiments nahtlos an­schluss­fähig. Das gleiche gilt für die einseitige „Schuldzuweisung“ und geschichtsblinde, „antizionistische“ Be­hauptungen, Israels Historie und Politik seien die zentrale Ursache für den Nahostkonflikt. Das Bestreiten der Legitimität des jüdischen Staates ist ebenso hierzu zu zählen. Das wird freilich selten als offensives In­fra­ge­stellen „des Existenzrechts Israels“ geschehen. Es kleidet sich regelmäßig in die Form seiner Denunziation als „rassistisch“, als „Apartheidsstaat“ oder „letztes Überbleibsel des Kolonialismus“.[17]

Im Lichte dieser Betrachtungen sind Handlungen und Haltungen von Linken-Repräsentant*innen durch­aus ma­nifeste Grenzüberschreitungen, zu denen es verbindlicher linker Abgrenzung bedarf. Schließlich geht es hier nicht um Nebensächliches, um zu vernachlässigende Details. Ohne einen gemeinsamen Kanon von ver­bind­lich bestimmten Grundhaltungen ist die politische Konstituierung der Linken als Partei, Bewegung oder „ge­sellschaftliche Strömung“ unmöglich. Eine klare Absage an jeglichen Antisemitismus gehört un­zwei­fel­haft zum konstitutiven Grundverständnis für eine Linke. Deshalb waren die eingangs zitierten Beschlüsse und Klar­stellungen von Parteivorstand und Bundestagsfraktion, auch im neuen Parteiprogramm, richtig und auch drin­gend notwendig. Für „Pluralismus“ ist nur im Rahmen solcher Grundhaltungen Platz.

Es ist für eine Partei letztlich selbstzerstörerisch, wenn immer wieder Einzelne durch ihre Handlungen und Hal­tungen die gesamte Partei in die politische Mithaftung nehmen. „Boykott“-Aktionen gegen den Ver­kauf is­raelischer Produkte, die implizit die Parallele zum Kampf gegen die Apartheid in Südafrika aufrufen, di­rekte oder indirekte Kooperation mit Hamas-, Hisbollah- oder Millî-Görüş-Vorfeldorganisationen bei der „Ga­za-Flot­tille“ zum „Durchbrechen der Blockade“ des Gaza-Streifens, die erkennbar propagandistisch die „An­pran­gerung“ Israels „als besonders verbrecherisches und unmenschliches Regime“ verfolgt, die Be­schwö­rung einer „säkular-demokratischen Einstaatenlösung“ im Nahen Osten, Nazivergleiche, öffentliche Auftritte von Linken-Bundestagsabgeordneten auf Konferenzen, die auch für fundamentalistische Propaganda genutzt wer­den, umwunden mit Schals, auf denen die Nahostregion ohne den Staat Israel abgebildet ist – all das wa­ren Hand­lungen von Linken-Repräsentant*innen, die sich außerhalb der so gezogenen Grenze bewegen.[18]

Da sie sich nicht durch Beschlüsse „wegdekretieren“ lassen, braucht Die Linke die weitere Debatte und Ver­stän­digung, gegebenenfalls erneute Erklärungen, Beschlüsse und Grenzziehungen. Und auch diese werden es im Zweifel nicht verhindern können, dass Einzelne dennoch explizit gegensätzlich handeln. Zwischen Ins­tinkt­losigkeit, Geschichtslosigkeit und offenem Antisemitismus wird mit solchen Manifestationen jede Dif­fe­ren­zierung verunmöglicht. Mehr als beschämend und peinlich muss vor dieser Kulisse genannt werden, dass sich Linke-Bundestagsabgeordnete anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz (!) in der Feier­stunde des Bundestages gegenüber dem Redner und israelischen Staats­präsidenten Shimon Peres demonstrativ nicht von den Plätzen erhoben haben – mit der Begründung, sie wollten gegen Israels Ok­ku­pa­tions­po­litik ein Zeichen setzen.

Wenn wir eine Partei sein wollen, die dem schon in ihrem Namen enthaltenen Anspruch gerecht wird, dür­fen an­tisemitische Äußerungen in der Linken absolut keinen Platz haben. Deshalb muss die Ver­stän­di­gung und Auf­klärung weitergehen. Auch angesichts des schwierigen und sehr ambivalenten Verhältnisses der Linken und der Arbeiterbewegung zum Antisemitismus und zum Staat Israel wäre es unverantwortlich, die De­batte zu verdrängen und zu konstatieren, es gebe überhaupt kein Problem. Dabei muss dem Zu­sam­men­hang zwi­schen Antizionismus und linkem Antisemitismus besonderes Augenmerk gelten. Die Reproduktion der anti­zio­nistischen Schwarz-Weiß-Logik aus Zeiten des Kalten Kriegs kann kein Bestandteil einer auf­ge­klär­ten, pro­gressiven Linken sein.

Dr. Klaus Lederer ist Landesvorsitzender der Partei Die Linke in Berlin, Rechtsanwalt und Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Dort ist er rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion

Dieser Artikel wurde im Rahmen der Textreihe „Drei Jahre nach der ‚Free Gaza‘-Flotte – drei Beiträge zum Antisemitismus inner- und außerhalb der LINKEN“ auf der Internetseite des Bundesarbeitskreises (BAK) Shalom veröffentlicht.

29.05.2013 – WAS DAS FÜR DIE LINKE BEDEUTET: ANTISEMITISMUS UND ANTIZIONISMUS – GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE von Stefan Kunath, Gründungsmitglied des BAK Shalom

05.06.2013 – DIE LINKE UND DIE ANTISEMITISMUSDEBATTE: WAS BLEIBT? von Dr. Klaus Lederer, Landesvorsitzender DIE LINKE Berlin

12.06.2013 – EIN „MASSAKER“ „GEGEN DIE WELT“. DIE „FREE GAZA“-FLOTTE UND DER ISRAELBEZOGENE ANTISEMITISMUS DER MITTE von Daniel Poensgen, Sozialwissenschaftler aus Berlin


[1] Salzborn, Samuel / Voigt, Sebastian (2011): Antisemiten als Koalitionspartner? Die Linkspartei zwischen antizionistischem An­ti­se­mi­tismus und dem Streben nach Regierungsfähigkeit, in: Zeitschrift für Politik 58 (2011) 3, S. 290ff. Dieser Text selbst belegt die unterstellte pauschalisierende Schlussfolgerung nicht, greift aber Handlungen und Haltungen auf, die unten noch thematisiert wer­den.

[2] Parteivorstand der Partei Die Linke (2011): Erklärung des Parteivorstands, abgerufen unter: <http://die-linke.de/partei/or­gane/par­teivorstand/parteivorstand20102012/beschluesse/linkeweistantisemitismusvorwuerfezurueck/> am 04.06.2013.

[3] Bundestagsfraktion DIE LINKE (2011): Positionspapier „Entschieden gegen Antisemitismus“, abgerufen unter: <http://www.linksfraktion.de/positionspapiere/entschieden-gegen-antisemitismus-2011-06-07/> am 04.06.2013.

[4] Tagesschau (2011): Linkspartei streitet über Antisemitismus-Beschluss, abgerufen unter: <https://tsarchive.wordpress.com/2011/06/10/linkspartei300/ > am 04.06.2013.

[5] Vgl. Groth, Annette (2011): Persönliche Erklärung von Annette Groth [zum Beschluss der Bundestagsfraktion vom 07. Juni 2011], abgerufen unter: <http://www.groth.die-linke-bw.de/index.php?id=4872&tx_ttnews[cat]=67%2C66%2C14&tx_ttnews[year]=2011&tx_tt­news­[month]=06&tx_ttnews[tt_news]=7112&tx_ttnews[backPid]=4877&cHash=d585052bbd> am 04.06.2013.

[6] Vgl. Pau, Petra (2011): Linke und Antisemitismus, abgerufen unter: <http://www.petrapau.de/17_bundestag/dok/110611_an_anti­se­mi­tismus-be­schluss.htm> am 04.06.2013.

[7] Bundestagsfraktion Die Linke (2011): Fraktionsbeschluss „Kritik an israelischer Regierungspolitik ist kein Antisemitismus“, ab­ge­rufen unter: <http://www.linksfraktion.de/positionspapiere/beschluss-fraktion-linke-28-juni-2011/> am 04.06.2013.

[8] Vgl. Die Linke (2012): Programm der Partei Die Linke, Berlin, S. 10.

[9] Dazu ausf. Kessler, Mario / Lederer, Klaus (2012): Die Linke, Israel und der Antisemitismus: Thema beendet?, Tel Aviv.

[10] Vgl. Decker, Oliver / Weißmann, Marliese / Kiess, Johannes / Brähler, Elmar (2010): Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellun­gen in Deutschland 2010. Berlin, S. 85f. Zitiert nach Ullrich, Peter / Werner, Alban (2011): Ist „Die Linke“ antisemitisch?, in: Zeit­schrift für Politik 58 (2011) 4, S. 427.

[11] Wolffsohn, Michael (2011): Die Linke muss antisemitisch sein, in: Financial Times Deutschland vom 25. Juni 2011, abgerufen un­ter: <http://www.ftd.de/politik/deutschland/:antisemitismus-die-linke-muss-antisemitisch-sein/60068113.html> am 04.06.2013.

[12] So äußerten sich in einer Studie von 2006 etwa 18 Prozent der Befragten zustimmend zu der Aussage, auch heute noch sei „der Ein­fluss der Juden zu groß“, und jeweils etwa 13 Prozent zu den Aussagen „Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üb­len Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.“ und „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.“ Vgl. Decker, Oliver / Rothe, Ka­tha­rina/ Weissmann, Marliese / Geißler, Norman / Brähler, Elmar (2008): Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und de­mo­kratischer Einstellungen in Deutschland. Berlin, S. 481f.

[13] Als Beispiel nur Lederer, Klaus (2011): Gestrandet in der Finn Street Nr. 1, in: Neues Deutschland vom 17.06.2011, abgerufen un­ter: <http://www.neues-deutschland.de/artikel/200024.gestrandet-in-der-finn-street-nr-1.html> am 04.06.2013.

[14] Adorno, Theodor W. (1966): Erziehung – wozu?, in: ders.: Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt a. M., S. 105-119. Zitiert nach: Decker et.al. (2008): S. 264.

[15] Vgl. European Forum on Antisemitism (2008): Arbeitsdefinition „Antisemitismus“, abgerufen unter: <http://www.european-forum-on-antisemitism.org/working-definition-of-antisemitism/deutsch-german/> am 04.06.2013.

[16] Vgl. Sharansky, Natan (2004): Antisemitismus in 3-D. Die Differenzierung zwischen legitimer Kritik an Israel und dem sogenannten neuen Antisemitismus, abgerufen unter: <http://www.hagalil.com/antisemitismus/europa/sharansky.htm> am 04.06.2013.

[17] Ebd. (2004).

[18] Mit weiteren Nachweisen vgl. Keßler/Lederer (2012).

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2 Responses »

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