Rosa in New York – BAK Shalom im Interview mit Albert Scharenberg

By ronvarence • Mar 18th, 2013 • Category: Gesellschaft, Hauptartikel

Im Jahr 2012 eröffnete die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein neues Büro in New York City. Zuvor war die Stiftung weder in den USA noch in Kanada vertreten. Das neue Büro wird von Stefanie Ehmsen und Albert Scharenberg geleitet. Mit letzterem führte der BAK Shalom ein Kurzinterview.

Ein Teil der Linken sieht in New York City das „Herz des Kapitalismus“ und versteht nicht, was ein Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung dort soll. Was sagt ihr denen?

Gegenfrage: Wo soll denn die Linke sein, wenn nicht im „Herzen des Kapitalismus“? Überall wo Macht ist, gibt es auch Widerstand. Wer das nicht erkennt, denkt undialektisch und nicht links. Zweitens: Es gibt in den Vereinigten Staaten eine lange und vielfältige Geschichte sozialer Bewegungen, die auch heute eine große Rolle spielen – erinnert sei hier nur an Bürgerrechts- und Occupy-Bewegung, Gewerkschafts-, Friedens- und Umweltbewegung, Frauen- und LGBT-Bewegung. Und drittens ist in New York zugleich der Sitz der Vereinten Nationen. Die kann man zwar kritisch sehen, aber wir sollten als Linke immer betonen, dass es besser ist, eine unvollkommene oder kritikwürdige UNO zu haben als gar keine Weltgemeinschaft. – Es gibt übrigens noch einen vierten Grund, denn unser Büro arbeitet als Regionalbüro Nordamerika auch zu Kanada.

Von Europa aus wird die politische Landschaft in den USA oftmals nur auf das Zwei-Parteien-System, dominiert von Demokraten und Republikanern, reduziert. Wo sind die Linken zu finden und welche gesellschaftliche Relevanz haben sie?

Sie sind vor allem in den sozialen Bewegungen zu finden, in den Gewerkschaften, auch in den zahlreichen lokalen Initiativen des community organizing. Außerdem ist die Linke an den Hochschulen wesentlich stärker vertreten und viel einflussreicher als in Deutschland; linken Studenten kann ich nur raten, sich um ein Auslandsstudium zu bemühen, es lohnt sich! Daneben gibt es an der Basis der Demokraten eine progressive Strömung, und es gibt linke, teilweise auch sozialistische Gruppen, deren Relevanz auf nationaler Ebene begrenzt, aber in lokalen Zusammenhängen mitunter erheblich ist. Auf nationaler Ebene hat von links zuletzt Occupy Wall Street einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung ausgeübt.

„Vom Anfang des amerikanischen Titanenkampfs an fühlten die Arbeiter Europas instinktmäßig, dass an dem Sternenbanner das Geschick ihrer Klasse hing“, schrieb Karl Marx 1864 an Abraham Lincoln, um ihm zu seiner Wiederwahl zu gratulieren. Versuchen wir es weniger pompös: Welche sozialen und politischen Entwicklungen gibt es in den USA, die auch für die Linke in Europa bedeutsam sind?

Die USA sind Europa in manchen Entwicklungen des Kapitalismus voraus. Das haben Karl Marx und andere linke Theoretiker, etwa Antonio Gramsci, frühzeitig erkannt. Diesen Umstand kann man auf negative Entwicklungen beziehen, etwa auf die Ausbreitung des Neoliberalismus und die Zerschlagung der Gewerkschaften, aber man kann auch den Blick auf die andere, die fortschrittliche Seite richten – vom Widerstand gegen den Rassismus und gegen den Vietnamkrieg bis zum Kampf für Geschlechtergerechtigkeit und für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben, wo die USA gesellschaftlich in manchen Bereichen weiter sind als beispielsweise die Bundesrepublik.

In Deutschland wird mit dem Problem Antisemitismus oftmals – milde gesagt – unbeholfen umgegangen. Welche Unterschiede gibt es dazu in den USA und was könnten die Gründe dafür sein?

Zunächst einmal gibt es eine wichtige Parallele: Der Antisemitismus ist in beiden Ländern gesellschaftlich geächtet, und das ist auch gut so. Die Unterschiede, die es im konkreten Umgang mit Antisemitismus gibt, liegen natürlich in der Geschichte begründet. Während der Gründung der Bundesrepublik die Judenvernichtung unmittelbar vorausging, war der Antisemitismus in den USA nie so verwurzelt wie in Deutschland. Um nicht missverstanden zu werden: Es gab und gibt Antisemitismus auch hier in den USA, aber er hatte zu keinem Zeitpunkt einen gesellschaftlich so prägenden Einfluss wie lange Zeit in Deutschland.

Und zu guter Letzt: Du lebst nun in New York City. Wie ist das? Hast du schon einmal Lady Gaga auf der Straße getroffen?

Leider noch nicht! Aber ich hab letzte Woche Scarlett Johannsen in einem Stück am Broadway gesehen, das war auch nicht schlecht.

Weitere Informationen über die Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York findet ihr auf ihrer Homepage. Außerdem möchten wir auf ein Interview mit Angelika Timm aus dem Jahr 2009 verweisen, in dem sie die Arbeit des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv vorstellte.

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