„Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt“? Zur Kritik des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus – Vortrag und Diskussion mit Olaf Kistenmacher in Berlin

By ronvarence • Feb 21st, 2013 • Category: Hauptartikel, Termine

Das Jahr 2013 begann vielversprechend: Zum ersten Mal lösten sich emanzipatorische Linke von der traditionellen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration, deren ideologischer Dreh- und Angelpunkt die Huldigung nationaler „Befreiungsbewegungen“ gegen den „westlichen Imperialismus“ ist. Mit der Nation gegen das Kapital – ausgestattet mit einem derartigen Politikverständnis ist es wenig überraschend, dass regelmäßig der Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus geschändet wurde und es zu physischen Angriffen auf andere Demonstrationsteilnehmenden kam, die nicht in das Weltbild der noch immer überwiegend marxistisch-leninistischen Pilgernden passten.

Notwendiger- und richtigerweise musste die alternative Rosa & Karl-Demonstration das „gesamtlinke“ Porzellan der traditionellen LL-Demo zerschlagen, denn eine emanzipatorische Neuausrichtung der Linken ist ganz und gar zum Scheitern verurteilt, wenn sie die Nation als Bollwerk gegen die allgegenwärtige Ausbeutung nutzen will. Nun – drei Monate nach dem Spektakel – ist es an der Zeit, aus den Porzellanscherben in diffiziler Kleinstarbeit das emanzipatorische Potential von Luxemburgs Gesellschaftskritik herauszuarbeiten. Dies schließt ausdrücklich eine Kritik an traditionellen antiimperialistischen Positionen mit ein.

Hierzu wird der Vortrag von Olaf Kistenmacher die Anfänge des Antiimperialismus in den 1920er Jahren beleuchten. Zu dieser Zeit war es innerhalb der Kommunistischen Internationale üblich, den berühmten Aufruf von Friedrich Engels und Karl Marx folgendermaßen zu erweitern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“ Außer für die soziale Befreiung sollten Kommunistinnen und Kommunisten für die „nationale Befreiung“ kämpfen. Das war in der marxistischen Linken nicht immer so. Rosa Luxemburg, die 1913 in ihrem Hauptwerk Die Akkumulation des Kapitals den Imperialismus aus marxistischer Sicht analysierte, warnte 1918, dass das „famose ‚Selbstbestimmungsrecht der Nationen‘“, auf das sich auch die Bolschewiki in Russland beriefen, „nichts als hohle kleinbürgerliche Phraseologie und Humbug“ sei. Doch die Komintern knüpfte an Wladimir I. Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus an, in dem er den unterdrückten Menschen und Völkern ein mächtiges „Finanzkapital“ gegenüberstellte. 1927 bildete sich in Europa eine „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“. Schon im gleichen Jahr scheiterte in China der Versuch, die nationale Befreiungsbewegung und die KP China im Kampf gegen den britischen Imperialismus zu vereinen. Zwei Jahre später geriet die antiimperialistische Politik im Nahen Osten in ein Dilemma …

Olaf Kistenmacher, Historiker und Mitglied des Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus, veröffentlicht in Konkret und Jungle World.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen:
Schuldabwehr als Motiv für Israel-Feindschaft in der politischen Linken?, in: Associazione delle talpe/Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen (Hg.): Maulwurfsarbeit II. Aufklärung und Debatte, Kritik und Subversion, Berlin 2012, S. 51-60.
„Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich 2010, S. 97-112.

Die Veranstaltung wird vom Landesarbeitskreis (LAK) Shalom Berlin organisiert und findet am 14. März um 19 Uhr in der Schankwirtschaft Laidak (Boddinstr. 42/43 • 12053 Neukölln, Berlin) statt.

Tagged as: , , , , , ,

One Response »

  1. [...] 14. März referierte der Hamburger Historiker Olaf Kistenmacher auf Einladung des Landesarbeitskreis (LAK) Shalom der Linksjugend ['solid] Berlin vor etwa 80 Zuhörenden in der [...]

Leave a Reply