Was die Europäer nicht bekommen, sollen die Amerikaner erst recht nicht haben – über den Antiamerikanismus in Zeiten der EU-Krise

By ronvarence • Nov 7th, 2012 • Category: Gesellschaft, Hauptartikel

Kolumnen sollen zum Nachdenken anregen, inspirieren, hinterfragen. Jakob Augstein hingegen, Verleger der Wochenzeitung Der Freitag, probt die konformistische Revolte: Sein jüngster Beitrag unter dem Titel Untergang des amerikanischen Imperiums[1] ist geprägt vom antiamerikanischen Ressentiment, mit dessen Hilfe er die Einheit aus Mob (verkörpert durch die anonymen Kommentarschreiber) und Elite (verkörpert durch ihn) gegen die USA bildet.

Anlässlich des Hurrikans Sandy und der Präsidentschaftswahl will Augstein die Gunst der Stunde nicht missen, um den „totalen Kapitalismus“ anzugreifen, der in den USA herrsche. Hierzu deutet er ökonomische Phänomene kulturalistisch um: „Totaler Kapitalismus“ entspränge durch in der Gesellschaft verbreitete bestimmte Charaktereigenschaften. Den USA diagnostiziert Augstein hierbei eine „perverse Mischung aus Verantwortungslosigkeit, Profitgier und religiösem Eiferertum.“ Doch die Vorstellung eines besonders bösartigen Kapitalismus verkennt die Totalität kapitalistischer Vergesellschaftung, die ebenso in anderen Staaten vorhanden ist. So ist zwar beispielsweise in den skandinavischen Ländern der Sozialstaat deutlich stärker ausgebaut und trotzdem hat auch dort das Kapital alle Teile des gesellschaftlichen Lebens durchdrungen. Egal ob in Amerika, Europa oder sonst wo: alle sozialen Bereiche stehen unter dem Zwang, ökonomisch verwertet zu werden. Das betrifft selbst das einzelne Individuum.

Im Rahmen dieser allgegenwärtigen Durchdringung kapitalistischer Vergesellschaftung gestaltet der Souverän die Wirtschaftspolitik mit, indem er bestimmte Gesetze erlässt und Steuern erhebt. Der Staat interveniert, reglementiert, kurzum: er tritt als ideeller Gesamtkapitalist auf. Das Problem an Augsteins Bild vom „totalen Kapitalismus“ ist folgendes: Die USA sind als föderaler Bundestaat immerhin in der Lage, die Rolle des ideellen Gesamtkapitalisten anzunehmen. Die Zentralgewalt erhebt Steuern und verfolgt eine eigenständige Geldpolitik. Die Europäische Union hingegen ist kein föderaler Bundesstaat. Die Haushaltspolitik ist noch immer eine Domäne des Nationalstaats – und das, obwohl das Kapital längstens transnational vernetzt ist. In diesem Sinne ist die Quasistaatlichkeit der EU den Herausforderungen des globalen Kapitals weniger gewachsen als es die Bundesstaatlichkeit der USA ist. In Europa müsste es erst noch zum Philadelphia-Moment kommen, ähnlich wie in den USA 1787 die Übertragung der finanzpolitischen Macht der konföderierten Staaten an eine zentrale demokratisch legitimierte Gewalt stattfand.[2] Wenn man also schon Augsteins Analysekategorien anwenden würde, trifft das Bild vom „totalen Kapitalismus“ dann noch eher auf die EU zu als auf die USA.

Und damit komme ich zum zentralen Punkt: In Augsteins Kolumne geht es nur sekundär um die USA, primär aber um Europa – genauer: Um die Art und Weise, wie die Europäer die USA sehen sollen. „Die Wahrheit ist, dass wir Amerika nicht mehr verstehen. Wenn wir von Deutschland aus dorthin blicken, von Europa aus, sehen wir eine fremde Kultur“, so Augstein. Alle seien sie gleich. Die politischen Unterschiede zwischen Barack Obama und Mitt Romney werden von Augstein kurzerhand geleugnet. Doch dieses dürftige Herumgenöhle ist keine Kritik an bestimmten Phänomenen US-amerikanischer Politik, sondern Ressentiment. Augstein bedient die bekannten Amerikabilder des unmoralischen, geldgierigen Landes, das er mit selektiven Ereignissen unterfüttert. Intellektuell ist das eine Bankrotterklärung.

Andrei S. Markovits hat in seinem Buch Uncouth Nation: why Europe dislikes America einen zentralen antiamerikanischen Vorwurf herausgearbeitet, der auch in der Kolumne Augsteins auftaucht: Die USA seien eine defekte Demokratie, weil soziale Mindeststandards nicht eingehalten würden, sodass sich die soziale Spaltung des Landes negativ auf das politische System auswirke. Markovits hält dem entgegen, dass in Europa ganze Gruppen von Einwanderern in den EU-Mitgliedsstaaten von der Mehrheitsgesellschaft separiert seien. Sie könnten sich weder Hoffnung auf eine der europäischen Staatsbürgerschaften machen, noch auf soziale Mindeststandards. Die USA hingegen seien schon immer ein Einwanderungsland gewesen, das trotz aller Probleme auf eine erstaunliche Integrationsfähigkeit verweisen könne.[3] Auch ohne Anbetracht der sozialen Komponente steht die US-amerikanische Demokratie besser da, als die europäische: US-amerikanische Bürger sind in jedem Bundesstaat wahlberechtigt, sofern sie in diesem wohnhaft gemeldet sind. So kann zum Beispiel ein in Idaho wohnhafter New Yorker problemlos an den Wahlen teilnehmen. In der EU hingegen ist es noch immer den EU-Bürgern untersagt, Regierung oder Parlament eines anderen EU-Staates zu wählen, auch wenn sie dort wohnhaft sind – auch wenn die europäischen Gesellschaften und Staaten so eng vernetzt sind, wie noch nie.

Bleibt noch die Frage zu klären, warum Augstein überhaupt ein derartig abschreckendes Bild von Amerika, das für Europa „fremd“ geworden sei, zeichnet? Eine Erklärung hierfür ist die Krise der EU, wie sie verstanden und wie mit ihr umgegangen wird. Die Staatsschuldenkrise, die sich zur Eurokrise und damit zur Krise der EU entwickelte, bekam ihren Anstoß durch die Pleite von Lehman Brothers. Und diese Pleite will Augstein nicht verzeihen, daher seine Reduktion der USA auf den „totalen Kapitalismus“. Damit beschreitet Augstein einen Weg, vor dem Hannah Arendt schon in den 1950ern gewarnt hatte: Die Konstituierung von Europa durch das Feindbild Amerika.[4] Der Antiamerikanismus dient hierbei als Bindeglied eines paneuropäischen Nationalismus. Arendt hingegen befürwortete einen europäischen Föderalismus, der sich postnationalistisch verstehen und sich in Ablehnung zum Nationalsozialismus konstituieren sollte. Anstatt also zum wiederholten Male den „Untergang des amerikanischen Imperiums“ zu beschwören, wäre es höchste Zeit, den Antiamerikanismus zu überwinden, um sich endlich den aktuellen Herausforderungen zuzuwenden: Die Überwindung des Nationalstaates in Europa und die Vollendung der europäischen Integration – ohne dabei Feindbilder zu bedienen.

Stefan Kunath, Gründungsmitglied des BAK Shalom



[1] Vgl. Augstein, Jakob (2012): Untergang des amerikanischen Imperiums, online: http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-wahl-wie-der-kapitalismus-das-land-zerstoert-a-865278.html.

[2] Nach Erlangung der Unabhängigkeit der USA hatte der Kongress lediglich die Möglichkeit, Schatzscheine auszustellen und die einzelnen Staaten zur Gegenfinanzierung zu bitten. Die Folge waren Inflation und sinkende Bonität, weil „kein Mensch den Kredit des Kongresses für voll nahm.“ Morgan, Edmund S. (1991): Die amerikanische Unabhängigkeit, in: Propyläen Weltgeschichte. Eine Universalgeschichte. Band VII, hg. v. Mann, Golo / Nitschke, August, Berlin, Frankfurt a.M., S. 552. Unter einem ähnlichen Problem leidet der Euro-Raum: Die Stabilität des Euro hängt von den nationalen Haushaltspolitiken ab. Die EU-Institutionen können nur an die Mitgliedsstaaten appellieren. Es existiert eine Währung, aber kein Souverän.

[3] Vgl. Markovits, Andrei (2007): Uncouth Nation: why Europe dislikes America, Princeton, S. 22.

[4] Vgl. Rensmann, Lars (2006): Europeanism and Americanism in the Age of Globalization: Hannah Arendt’s Reflections on Europe and America and Implications for a Post-National Identity of the EU Polity, in: European Journal of Political Theory 2/2006, 5. Jahrgang, S. 139-170.

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