Redebeitrag des LAK Shalom Berlin zu den Protesten gegen den Al Quds-Marsch: Kein freies Syrien ohne Kritik des Antisemitismus

By ronvarence • Aug 20th, 2012 • Category: Hauptartikel

Wozu jedes Jahr einen neuen Demoaufruf, wenn sich doch die Welt seit August vergangenen Jahres nicht verändert hat? Noch immer marschieren Islamisten, noch immer gibt es den Al Quds-Tag, das iranische Regime, das Atomwaffenprogramm. Und Israel darf noch immer nicht in Frieden existieren.

Umso erfreulicher ist es, wenn ein Aufruf eine neue Forderung aufstellt, dessen Anlass in den Jahren davor gar nicht denkbar war: „Solidarität mit den emanzipatorischen Kämpfen vor Ort!“, heißt es in Bezugnahme auf die Aufstände in den arabischen Ländern – und „Nieder mit dem Regime in Syrien!“, steht im diesjährigen Aufruf gegen den Al Quds-Tag geschrieben. Reflexartig löste das bei einigen Unverständnis aus: Die Aufstände in den arabischen Ländern brächten nur Islamisten an die Macht, Israel würde gefährdet und Antisemitismus keinesfalls zurückgedrängt werden. Also warum nicht das Beste aus dem Status Quo machen – doch lieber Assad statt Al Qaida? Dieses Unverständnis für die Solidarität existiert zu Unrecht, wie wir mit unserem Redebeitrag klar machen wollen.

Die Auseinandersetzung um Antisemitismus steht im Zentrum des LAK Shalom Berlin. Antisemitismus kann jedoch nicht von den gesamtgesellschaftlichen Zuständen abgekoppelt werden, sondern ist immer Teil eben dieser. Die Kritik des Antisemitismus ist ohne Kritik der Gesellschaft nicht möglich – und andersherum: Die Kritik der Gesellschaft ist ohne Kritik des Antisemitismus nicht möglich. Das zu bedenken gilt es auch im Falle Syriens.

Hierbei müssen wir jedoch eingestehen: Eine umfassende Analyse der syrischen Gesellschaft ist für uns momentan nicht möglich: Einerseits war Syrien bisher in unserer Arbeit eher nebensächlich ein Thema, andererseits ist die dortige Situation zurzeit äußerst unübersichtlich.

Wir wünschen uns daher in der Auseinandersetzung mehr Bescheidenheit und ein Ende reflexartiger Analysen. In Syrien und in den arabischen Ländern wird nicht für die befreite Gesellschaft gekämpft. Klar ist auch, dass sich nicht mal alle syrischen Oppositionellen für politische Mindeststandards begeistern können, wie das Recht auf Leben oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wer also konkret Akteure sind, mit denen sich zu solidarisieren wäre, ist schwierig und eher abstrakt zu beantworten. Sie können nicht mal beim Namen genannt werden.

Es wären aber jedenfalls die Menschen in Syrien, die mit dem Ende des Regimes auch eine Gesellschaft ohne Antisemitismus einfordern und diesen kritisieren – unabhängig davon, ob er von säkular-nationalen oder von djihadistischen Oppositionellen artikuliert wird.

Es wären diejenigen Menschen, die sich für ein wirklich freies Syrien einsetzen, das nicht auf Kosten anderer konstituiert wird: Kein freies Syrien ohne Beteiligung syrischen Frauen, kein freies Syrien ohne Beteiligung syrischer Homosexueller, kein freies Syrien ohne Beteiligung syrischer Jüdinnen und Juden, kein freies Syrien auf Kosten eines Krieges mit Israel. Mit den Menschen, die mit dem Sturz Assads ein solches Syrien verbinden, gilt unsere Solidarität!

Hintergründe und Berichte über die Proteste vom 18. August in Berlin gibt es unter keinalqudstag.tk.

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