Israelbezogener Antisemitismus als regressive Staatskritik

By ronvarence • Jul 4th, 2012 • Category: Berichte, Hauptartikel

Bericht und Mitschnitt von der Veranstaltung mit Daniel Poensgen

Am 05. Juni referierte Daniel Poensgen in Berlin zum Thema “Richtiges Motiv, falscher Ton”: Grass, die Mitte und der Staat und erklärte am Beispiel von Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“, weshalb die politische Mitte einerseits den sekundären Antisemitismus ablehne, andererseits zu den angeblich politischen Vorwürfen in Grassens Gedicht schweige.

So kam es in Deutschland 60 Jahre nach Auschwitz zu einer „Nationalisierung negativen Gedenkens“. Das heißt, Deutschland präsentiere sich als Erinnerungsweltmeister, der Stolz sei auf die vollbrachte Erinnerungsarbeit. Der Schuldabwehrantisemitismus sei zwar noch immer existent, stoße jedoch von Seiten der politischen Mitte auf Widerspruch. Demzufolge kritisiere die politische Mitte die Passagen im Gedicht, die diesen sekundären Antisemitismus bedienen, wenn Grass beispielsweise eine allzu offensichtliche Täter-Opfer Umkehr vollzieht.

Anders verhalte es sich bei den angeblich politischen Aussagen des Gedichtes, die Israel die Gefährdung des Weltfriedens unterstellen. Hierbei werde der Widerspruch zwischen subjektiven und objektiven Eigenschaften der Staatsgewalt verkannt und artikuliere sich in israelbezogenen Antisemitismus als Form regressiver Staatskritik. Subjektiv besitze jeder Staatsbürger persönliche Rechte gegenüber der Staatsgewalt. Beispielsweise artikuliere sich dies in Rechtsstaatlichkeit. Objektiv sei die Staatsgewalt Souverän über die Beherrschten. Dies artikuliere sich zum Beispiel über Einreiseverbote oder in den Beziehungen zu anderen Staaten.

Ähnlich wie bei Postones Analyse des Antisemitismus als fetischisierter Antikapitalismus – bei dem das als unheilvoll verklärte Finanzkapital als jüdisch gebrandmarkt und dem schaffenden Kapital gegenüber gestellt und somit die Totalität kapitalistischer Vergesellschaftung verkannt werde – verhalte es sich beim israelbezogenen Antisemitismus: Bei ihm wird objektives Recht der Staatsgewalt, das als verabscheuungswürdig und inhuman gelte, auf Israel projiziert, während das subjektive Recht als das alleinig zu begrüßende isoliert werde – ohne beide Dimensionen als Einheit zu verstehen.

Daher müsse die staatsaffine politische Mitte einerseits Israel kritisieren, wenn das jüdische Land von seiner objektiven Staatsgewalt gebrauch mache, sei es in Form von U-Boot-Einsätzen, Einreiseverboten oder Repression gegenüber Pro-Palästinensischen AktivistInnen, während sie andererseits die eigene objektive Staatsgewalt an den europäischen und nationalen Außengrenzen (Stichworte: „Festung Europa“, Behandlung von Flüchtlingen) verschweige.

[Download: “Richtiges Motiv, falscher Ton”: Grass, die Mitte und der Staat]

[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

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One Response »

  1. [...] den Unmut der „Info­krie­ger” von „IK-News”. In der Pseudo-Kritik vie­ler Medien, die die Form aber nicht den Inhalt des neu­es­ten Pam­phlet des grei­sen SS-Veterans kri­ti­sier­ten, woll­ten Ble­cker gar [...]

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