Kri­ti­sche Selbst­re­fle­xi­on statt Ab­wehr und Ver­drän­gung

By stfn • Jun 29th, 2011 • Category: Hauptartikel, Standpunkte

Stellungnahme des LAK Shalom Sachsen zum Beschluss der Bundestagsfraktion vom 28. Juni
Kri­ti­sche Selbst­re­fle­xi­on statt Ab­wehr und Ver­drän­gung

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An­ti­se­mi­tis­mus ist in un­se­rer Ge­sell­schaft kei­nes­wegs ein Rand­phä­no­men und schon gar nicht nur ein Pro­blem von „Rechts­ex­tre­men“ oder „Links­ex­tre­men“. Wie so­zi­al­wis­sen­schaft­lich Stu­di­en be­le­gen, stim­men viele Men­schen in der Bun­des­re­pu­blik klar an­ti­se­mi­ti­schen Aus­sa­gen zu.

Aus un­se­rer Mut­ter­par­tei gibt es und gab es zu recht immer wie­der schal­len­de Kri­tik, wenn die Ver­ant­wort­li­chen in Städ­ten und Kom­mu­nen ein ma­ni­fes­tes Na­zi­pro­blem in ihrem Ort bei­sei­te ge­scho­ben haben. Aus gutem Grun­de kri­ti­sie­ren wir, wenn na­zis­ti­sche und ras­sis­ti­sche Ge­walt ba­ga­tel­li­siert wird, bei­spiels­wei­se durch Aus­sa­gen, wie dass es sich „um einen Ein­zel­fall“ oder „ein Pro­blem von au­ßer­halb“ han­de­le. Immer wie­der be­to­nen wir, dass Ras­sis­mus ein Pro­blem ist, das sich durch die ge­sam­te Ge­sell­schaft zieht.

Auch An­ti­se­mi­tis­mus ist ein Pro­blem eben nicht nur ir­gend­wel­cher „Rän­der der Ge­sell­schaft“. Der bloße Selbst­an­spruch nicht an­ti­se­mi­tisch und nicht ras­sis­tisch zu sein sowie bei­spiels­wei­se gegen an­ti­mus­li­mi­sche Res­sen­ti­ments Stel­lung zu be­zie­hen, ist kei­nes­wegs die au­to­ma­ti­sche Er­fül­lung die­ses An­spruchs. Wir wären un­ehr­lich und un­kri­tisch, wenn wir nicht zu­ge­ben, dass ge­sell­schaft­lich weit ver­brei­te­te Res­sen­ti­ments na­tür­lich auch in un­se­rer Par­tei (und an­de­ren) zu fin­den sind. So mag man zwar bei­spiels­wei­se hun­dert „Er­klä­run­gen gegen Is­lam­pho­bie“ ver­ab­schie­den, an der Par­tei­ba­sis haben ent­spre­chen­de Res­sen­ti­ments je­doch wei­ter­hin ihren fes­ten Platz – was auf­grund deren all­ge­mei­nen Ver­brei­tung auch nicht wei­ter ver­wun­dern kann. Statt die­sem Fakt Be­ach­tung zu schen­ken, legen Teile un­se­rer Par­tei genau die Men­ta­li­tät an den Tag, die wir sonst immer kri­ti­sie­ren, wenn es um men­schen­feind­li­che Ideo­lo­gi­en und Res­sen­ti­ments geht. Wir kön­nen uns des Ein­drucks nicht er­weh­ren, dass die zen­tra­le Ab­wehr­stra­te­gie nach dem Grund­satz er­folgt, dass nicht sein kann was nicht sein darf.

Der neu­er­li­che Be­schluss der Bun­des­tags­frak­ti­on zeigt deut­lich in genau diese Rich­tung. Es wird la­pi­dar fest­ge­stellt: „Rechts­ex­tre­mis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus haben in un­se­rer Par­tei heute und nie­mals einen Platz.“ Das Pro­blem be­ginnt genau da, wo ei­gent­lich nor­ma­ti­ve Sätze in em­pi­ri­sche Wirk­lich­keit um­ge­lo­gen wer­den, wo ein (guter) An­spruch auf­ge­ge­ben wird durch die Be­haup­tung, er sei be­reits er­füllt.

Wei­ter heißt es in der Er­klä­rung, dass der Be­griff des An­ti­se­mi­tis­mus „in­fla­tio­när ver­wen­det“ wer­den würde. Vor dem Hin­ter­grund der Vor­komm­nis­se in un­se­rer Par­tei (Stich­punk­te: Flot­til­le, Du­is­burg, Schal, ‚läp­pi­sche Frage nach dem Exis­tenz­recht Is­raels‘) ist die Schutz­be­haup­tung der „in­fla­tio­nä­ren Ver­wen­dung“ ähn­lich zu wer­ten, als hätte die SPD auf Sar­ra­zin re­agiert, indem sie von einer „in­fla­tio­nä­ren Ver­wen­dung“ der Be­grif­fe Po­pu­lis­mus und Ras­sis­mus ge­spro­chen hätte. In­fla­tio­när in un­se­rer Par­tei hin­ge­gen ist die Ob­ses­si­on ei­ni­ger ihrer Mit­glie­der, sich in ihrer Lieb­lings­dis­zi­plin „Is­rael­kri­tik“ (al­lein der Be­griff ist ab­we­gig) zu üben. Es mutet daher selt­sam an, wenn Teile der Frak­ti­on mei­nen, das was be­reits stän­dig pas­siert, noch ein­mal be­schlie­ßen zu müs­sen. Der neu­er­li­che Be­schluss er­ach­tet es an­schei­nend eben­falls als not­wen­dig, die Kri­tik an Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an Is­ra­el zu spe­zi­fi­zie­ren. Dort, wo es tat­säch­lich um eine uni­ver­sel­le Gül­tig­keit einer Kri­tik an Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ginge, wäre diese Spe­zi­fi­zie­rung über­flüs­sig. Kri­tik am Han­deln der Is­rae­li­schen Re­gie­rung kann nur dann le­gi­tim sein, wenn sie nicht ein­sei­tig, d.h. dä­mo­ni­sie­rend, dop­pel­te Stan­dards set­zend und per se de­le­gi­ti­mie­rend ist.

Kri­tik an „Be­sat­zungs­po­li­tik, [..] Blo­cka­de ge­gen­über dem Ga­za­strei­fen und [der] völ­ker­rechts­wid­ri­ge[n] Sied­lungs­po­li­tik in den be­setz­ten Ge­bie­ten [..]“ wird un­ge­ach­tet ihrer Form und spe­zi­fi­schen Aus­for­mu­lie­rung eine Ge­ne­ral­ab­so­lu­ti­on er­teilt. Die Mehr­heit der Frak­ti­on meint in der Er­klä­rung of­fen­sicht­lich wei­ter­hin, dass die Vor­wür­fe des An­ti­se­mi­tis­mus vor­nehm­lich wegen solch einer Kri­tik an be­stimm­ten Hand­lun­gen der Is­rae­li­schen Re­gie­rung er­folgt sind, und blen­det die an­de­ren (oben Stich­punkt­ar­ti­gen ge­nann­ten) Vor­fäl­le ein­fach aus.

Wir wol­len nicht län­ger, dass Ab­wehr­re­fle­xe gegen be­rech­tig­te Kri­tik von außen und innen die not­wen­di­ge Be­ar­bei­tung des ei­ge­nen Pro­blems er­set­zen. DIE LINKE ist ge­nau­so­we­nig wie an­de­re Par­tei­en und Or­ga­ni­sa­tio­nen immun gegen An­ti­se­mi­tis­mus – nicht wegen des ei­ge­nen Selbst­ver­ständ­nis und schon gar nicht aus ihrer Ge­schich­te her­aus. Es darf keine Zu­sam­men­ar­beit, keine Teil­nah­me an ge­mein­sa­men De­mons­tra­tio­nen, Kund­ge­bun­gen oder Ver­an­stal­tun­gen mit Ak­teu­ren und Or­ga­ni­sa­tio­nen geben, die das Exis­tenz­recht Is­raels nicht an­er­ken­nen, die offen an­ti­se­mi­tisch han­deln.

Statt den heh­ren Selbst­an­spruch wider die Rea­li­tät als be­reits um­ge­setzt zu ver­klä­ren, muss er zu­rück in die Nor­ma­ti­vi­tät ge­holt wer­den, damit wir uns in der Ge­sell­schaft und un­se­rer ei­ge­nen Par­tei gegen das Pro­blem stel­len kön­nen, was in die­sem Land immer noch gra­vie­rend ist: Den An­ti­se­mi­tis­mus in sei­nen klas­si­schen und mo­der­nen Spiel­ar­ten.

Lan­des­ar­beits­kreis Shalom Sach­sen
29. Juni 2011

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