Antrag des BAK Shalom zum “Kampf der Kulturen” auf dem IV. Bundeskongress

By • May 5th, 2011 • Category: linksjugend ['solid]

Der BAK Shalom wird auf dem IV. Bundeskongress der Linksjugend [‘solid] vom 13. bis 15. Mai in Hannover einen Antrag zum Themenkomplex Kulturalismus und “Kampf der Kulturen” einbringen. Er wird an dieser Stelle dokumentiert.

(als pdf runterladen)

Antrag an den BuKo der linksjugend [‘solid] am 14. und 15. Mai 2011
Der Bundeskongress 2011 beschließt folgende Stellungnahme zum Thema Kulturalismus und „Kampf der Kulturen“

„Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.“ (Karl Marx)

Nur wenige Kontroversen bestimmen den aktuellen politisch Diskurs, wie die um den vermeintlichen „Kampf der Kulturen“. Dieser habe die Nachfolge des Kampfes der Ideologien zwischen Kapitalismus und Sowjetkommunismus angetreten. Mit dem Ende der Blockkonfrontation 1990 würden so kulturelle Konflikte ausgetragen, die zuvor durch die jeweiligen Ideologeme überbrückt wurden.

Einerseits wird eine deutsche Leitkultur, die angeblich von christlich-jüdischen Idealen geprägt sei, fabuliert, die unvereinbar mit islamischer Kultur sei, andererseits wird unter Berufung auf einen orthodoxen Multikulturalisms jede Kritik an Verhaltensweisen, die keineswegs emanzipatorisch sind, zurückgewiesen. Orthodox meint hier, wie im eigentlichen Wortsinne einer orthè doxà, also richtigen Meinung, betriebenen Argumentation, die keinen Angriffspunkt für Kritik zulässt und sich unbegründet und auch unbegründbar auf einen Relativismus der Kultur beruft. Der Mensch ist diesem Standpunkt zu Folge ein Produkt der Kultur, kann sich aus dieser nicht befreien oder selbstreflektieren und kann sich auch nicht in Menschen anderer Kulturen hineinversetzen. Grundsätzliche Merkmale, die das Menschsein definieren – Empathie, Selbstreflektion und intersubjektive Interaktionsmöglichkeiten – werden somit negiert. Die notwendige Kritik an bestimmten Phänomenen und Ungleichheitsmechanismen innerhalb einer Religion wird alsdann als Ressentiment stigmatisert.

Auf der anderen Seite wird eine durch christlich-jüdische Tradition entstandene deutsche Leitkultur propagiert. Diese Position hat mit der obigen gemein, dass der Mensch als eine durch Kultur – und Kultur wird auch hier mit Religion gleichgesetzt – geformte Entität ist, der sich nicht gegen sein Schicksal erwehren kann. Offensichtliche Widersprüche, woher zum Beispiel der Wert der Religionsfreiheit kommt, werden ausgeblendet. Die in Deutschland vollzogene instrumentelle Berufung auf die jüdische Tradition ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten.

Moderne Kultur hingegen ist ein Phänomen ohne absolute religiöse Gewissheitsansprüche, die Gesellschaft, Staat, Wirtschaftsleben usw. einen Endzweck im Jenseits zumuten. Moderne Kultur musste für die Regelung des Zusammenlebens Normen formulieren, die ausschließlich dem Diesseits zugewandt sind. Kern der modernen Kultur ist das Offenheitsprinzip, das die besonderen kulturellen und religiösen Identitiäten nicht aufhebt, sondern integriert. Moderne Kultur schafft einen Rahmen für unterschiedliche Fortschreibungen überlieferter kultureller Ansichten, persönlicher Weltvorstellungen und privater Lebensweisen. Dieser Rahmen selbst ist jedoch keine besondere Lebensweise. Daher ist moderne Kultur nicht zu verwechseln mit dem Schlagwort der „westlicher Kultur“.

Kultur kann reflektiert werden und ist somit änderbar. Sie ist keine feste Variable. Sie wird jedoch politisiert und somit zum Machtinstrument. Politisierung der Kultur findet in allen Kulturkreisen statt. Ziel ist es, die Vormachtstellung einer Kultur nach innen wie nach außen gegenüber einer anderen Kultur zu erlangen. Die Kämpfe erscheinen in Formen von Ethnopluralismus, Kulturalismus und/oder modernen Fundamentalismus, deren Gemeinsamkeit nicht ihr jeweiliger kulturspezifischer Inhalt ist, sondern ihre idealtypische Struktur, in der die eigene Kultur zum Maßstab des allgemeinen Zusammenlebens funktionalisert wird.

Ziel der Politisierung von Kultur ist es, Probleme, die politisch gelöst werden können, als Ergebnis kulturellen Verfalls oder kultureller Vermengung hinzustellen. Andere Kulturen werden durch die Politisierung zu fremden und feindlichen Welten. Die Abwertung des Anderen wird somit legitim und kann von Alltagsdiskriminierung bis zur Vernichtung führen. Dieser kulturelle Identitäts-Wahn ist selbst ein Produkt der Moderne, der vor allem in Epochen sozialer Regression und ökonomischer Krisen greift, um Ungewissheiten der offenen Gesellschaft auf Feindbilder abzuwelzen. Dies ist jedoch kein politisches Konzept, sondern eine Kriegserklärung an die eigene Menschlichkeit.

„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seinen wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzuheben, ist die Forderung, einen Zustand aufzuheben, der der Illusion bedarf.“ (Karl Marx)

Modernisierung der Gesellschaft hingegen soll als die Öffnung der sozialen, politischen und kulturellen Systeme für alternative Deutungen, Lebensentwürfe etc. begriffen werden. Hiermit sind unvermeidlich schwerwiegende Risiken verbunden. Dieser Prozess führt zur Offenlegung von Konflikten und Aushandlungsprozessen. Er wird nur dann einem emanzipatorischem Anspruch gerecht, wenn alle Menschen als Individuen mit gleichen Rechten und Freiheiten und nicht als Objekt einer kollektiven Identität begriffen werden. So falsch es ist, andere aufgrund ihrer Kultur zu diskriminieren, so falsch ist es auch, den anderen durch kulturalistische Argumentationen in Schutz zu nehmen.

Stattdessen erklären wir uns solidarisch mit jenen gesellschaftlichen AkteurInnen, die für das universelle Offenheitsprinzip der Weltgesellschaft eintreten. Unser Anspruch ist es, diejenigen Rahmenbedingungen zu entwickeln und zu unterstützen, in denen jedes Individuum selbst, egal auf welchem Teil der Welt, seinem eigenen Lebensentwurf selbstbestimmt nachgehen kann ohne dabei durch andere positiv oder negativ bevormundet zu werden. Diese Solidarität gilt besonders jenen gesellschaftlichen Kräften aus Regionen der jahrzehntelangen ökonomischen, sozialen und politischen Stagnation, in denen die Religion zum Maß aller Lösungen der politischen Probleme ausgerufen wurde.

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