Von der Volksrepublik zur völkischen Nation

By stfn • Nov 2nd, 2010 • Category: Berichte, Hauptartikel

Veranstaltungsbericht zu „Roma-Hass und »Judenfrage« - Ungarn, ein antisemitisches Land?“ mit Magdalena Marsovszky

»Wir müssen unsere Heimat vor unseren Feinden, den Liberalen und deren Anhängern verteidigen. Die wollen uns eine krankhafte Werteordnung aufzwingen, die den Magyaren aber fern steht.«(1)

Dieser Satz von Dr. Krisztina Morvai, dem „Star“ der Rechten in Ungarn, schon knapp drei Jahre vor dem Erdrutschsieg der jetzigen Regierungspartei Fidesz und ihrem militanten Arm Jobbik, im August 2007, verbildlichen in nur wenigen Worten, was sich die Protagonistin unter einer passenden Politik für Ungarn vorstellt: eine „völkische Wende“. Um die eigene ethnisch-homogene Nation zu konsolidieren und zu legitimieren, braucht es konstruierter äußerer wie innerer Feindbilder. Fürchtet man sich von außen, vor einem „Liberalismus“ aus dem Westen und einem „Bolschewismus“ aus dem Osten, richtet sich im Inneren der Hass gegen fiktive Feinde, wie etwa den ehemalige Minister und Parteivorsitzende der Sozialisten Ferenc Gyurcsány oder die durchweg kriminalisierte Sinti und Roma-Minderheit. Konsequent in ihrem Antisemitismus sind sich die neuen Machthaber einig; hinter der desolaten wirtschaftlichen Situation der postsozialistischen Gesellschaft stecken „die Juden“. Die Entwicklung in Ungarn mit einer faschistischen Ideologie sei allerdings alles andere als neu, erläuterte Frau Marsovszky. Vielmehr handele es sich um einen Prozess, der sich über die vergangenen zwei Jahrzehnte abzeichnete, seinen Ursprung aber weit vor dem Ende des real existierenden Sozialismus in der ehemaligen Volksrepublik hat.

Dicht gedrängt sitzen mehr als dreißig Zuhörerinnen und Zuhörern an diesem Abend des 19. Oktober im Raum des Karl-Liebknecht-Hauses und hören gespannt den Ausführungen der Kulturwissenschaftlerin und ausgewiesenen Ungarn-Kennerin zum Titel „Roma-Hass und »Judenfrage« - Ungarn, ein antisemitisches Land?“ zu. Einige sind bereits mit der Materie vertraut, andere hören die Fakten zum ersten Mal. Nach dem Vortrag ist die Nachfrage und der Ergänzungsbedarf groß. Viele sind entsetzt über die Normalität eines antiziganistischen Gesellschaftszustandes und die offizielle Staatsräson: Ein krude, aber wirkungsvolle Mischung aus scheinbar allen Versatzstücken rechter Ideologien: Antisemitismus, Rassismus, Homopobhie, Demokratiefeindschaft und einem chauvinistischen Nationalismus, der die Revision des Vertrages von Trianon (1920) im Sinne eines „Großungarns“, mit einschließender Negierung der Grenzen seiner Nachbarländer, anstrebt.

„Die Selbstethnisierung der ungarischen Nation“, sprich das Streben nach einer homogenen „magyarischen Volksgemeinschaft“, fasst Frau Marsovszky zusammen, ist der Kern der konservativen Revolution in Ungarn. Wer von Exklusion betroffen ist und nicht dazu gehören soll, wird verfemt, verfolgt und vertreiben. Schon neun Menschen wurden Opfer politisch motivierter Morde.

Der Widerstand gegen das faschistische Denken und Handeln sei sehr gering. Viele Intellektuelle und Menschen des politischen Lebens haben bereits Ungarn aus Furcht und vor Repression verlassen, von einer „kritischen Zivilgesellschaft“ kann keine Rede sein. Neue Gesetze, wie die kommende Änderung der Verfassung im Frühjahr 2011, lassen eine Gleichschaltung aller Lebensbereiche erahnen, verbreiteten Angst und Schrecken gerade bei den Roma. Bürger Ungarns soll künftig jeder werden können, der aus dem Gebiet „Großungarns“ stammt.

Fast automatisch drängt sich an dieser Stelle die Reaktion der restlichen EU auf. Wie reagiert zum Beispiel die Bundesrepublik auf das Erstarken einer sich abzeichnenden Rechtsdiktatur? „Der Prozess der Ethnisierung und der steigende Antisemitismus wurde vom Westen nicht nur verharmlost, sondern völkische Tendenzen sogar unterstützt.“, so das niederschmetternde Urteil der Referentin.
Im nächsten Jahr wird Ungarn den EU-Vorsitz übernehmen. Dass dieser Umstand aber zu einer Lockerung der reaktionären Politik beitragen wird, sehen an diesem Abend alle Menschen im Raum sehr pessimistisch.

Der BAK Shalom wird auch weiterhin mit großer Sorge die Geschehnisse in Ungarn verfolgen und mit Frau Marsovszky in freundschaftlicher Verbindung bleiben.

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Quelle: (1): Marsovszky,Magdalena:  Ethnizität, völkisches Denken und Antisemitismus im Ungarn der Gegenwart, in: Botsch, Gideon; Kopke, Christoph; Rensmann, Lars; Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, HASKALA. Wissenschaftliche Abhandlungen. Band 44, Georg OLMS Verlag, Hildesheim-Zürich-New York 2010, S. 291.

Dokumentiert:
Roma-Hass und »Judenfrage« - Ungarn, ein antisemitisches Land?
- Veranstaltungseinladung

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  1. [...] Mitgliedern der Linksjugend ['solid] unterlaufen wird. Neben der Veranstaltung zu den Themen Antiziganismus und Antisemitismus in Ungarn, ist unsere Veranstaltung “Feindbild Islam” der zweite Termin, der aus politischen [...]

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