Multiethnizität und kulturelle Diversität in Israel

By • Jul 28th, 2010 • Category: Gesellschaft, Hauptartikel

Ansätze einer Politik des Multikulturalismus?

Der Terminus ‚Multikulturalismus‘ bezogen auf Israel bezeichnet in der öffentlichen Debatte in erster Linie einen empirischen Zustand der Diversität oder Pluralität hinsichtlich religiöser Zugehörigkeit und Einstellung, geographischer Herkunft (Ethnie), Muttersprache sowie politischer Auffassung. Seit den Anfängen der Besiedlung Palästinas durch Jüdinnen und Juden und der Staatsgründung Israels im Jahre 1948 unterlag die Zusammensetzung der israelischen Gesellschaftsstruktur tiefgreifenden Veränderungen, die bis in die Gegenwart anhalten. Zum einen aufgrund zahlreicher Einwanderungswellen (hebr. Aliyot) aus fast allen Teilen der Welt, zum anderen wegen des anhaltenden demographischen Wandels hat sich die israelische Gesellschaft entlang unterschiedlicher einander überschneidender Achsen enorm aufgefächert. Die arabische Minderheit ist bereits auf etwa zwanzig Prozent angewachsen (vgl. Beck 2008, S. 3), der Anteil der ursprünglich auch zahlenmäßig dominanten Gruppe der europäischen Juden (hebr. Ashkenasim) an der Gesamtbevölkerung wird stets kleiner, während die Zahl orientalischer Juden (hebr. Mizrachim) und, aufgrund des Zusammenbruchs des Ostblocks und der entstandenen Möglichkeit freier Migration, auch die Zahl russischer (jüdischer) Einwanderer stark angewachsen ist. In Folge der Veränderungen erscheint in der Gegenwart die „israelische Gesellschaft vergleichsweise hochgradig segmentiert“ (ebd.).

Konfliktlinien unterschiedlichster Art durchziehen die israelische Gesellschaft: Im Zentrum steht das „zunehmende Verblassen der zionistischen Schmelztiegel-Ideologie“ (Zuckermann 2008, S.4), daneben der Streit um die religiöse oder säkulare Definition des israelischen Staates (vgl. ebd., S. 2), die Fragen, ob Israel ein jüdischer Staat, ein Staat der Juden, ein binationaler und/oder demokratischer Staat ist, ob das kulturelle Erbe europäischer Juden die Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft maßgeblich prägen sollte, sind nur einige Beispiele.
Kulturelle Heterogenität ist nicht das entscheidende Merkmal von Multikulturalismus (im normativen Sinne), sondern die Forderung der Berücksichtigung von Differenz, das Zuerkennen von spezifischen Rechten und der Kampf um Anerkennung im Allgemeinen, ohne die eine tatsächliche staatsbürgerliche Gleichheit nicht gewährleistet werden kann (vgl. Strecker 2004, S. 280). Viele SoziologInnen Israels sprechen vom Anbruch einer postzionistischen Ära, in der überkommene, starre Gesellschaftsformationen und Deutungshoheiten ins Wanken geraten und lange Zeit weniger beachtete Gruppen um Anerkennung ihrer spezifischen Identitäten und Interessen ringen. Dies drückt sich in der allgemeinen Forderung aus „that it [Israel] should incorporate multicultural principles in its ‚basic structure‘.“ (Yonah 2005, S. 96)

Im Gegensatz zu anderen Einwanderungsländern weist der israelische Staat einen spezifischen Doppelcharakter auf – demokratisch und jüdisch – der den Umgang mit zunehmender gesellschaftlicher Diversität in spannungsreiche Widersprüche um den Erhalt der demokratischen und jüdischen Identitätsmerkmale überführt. Jüdisch bezeichnet vor allem die jüdische Bevölkerungsmehrheit, denn „[o]nly when Arabs, druze, and foreign workers constitute clear and irrefutable minorities […] can Israel be a democratic Jewish State.“ (Ben-Rafael/Peres 2005, S. 43) Doch selbst das Attribut ‚jüdisch‘ ist ein im politischen Streit umkämpfter Begriff, eingebettet in einander überlagernde religiöse, nationale und kulturelle Dimensionen. Vor dieser Folie reagiert die israelische Politik auf oben skizzierte Veränderungen. Sie versucht, demographischen Trends entgegenzusteuern (Einwanderungspolitik), die Kohäsion des israelischen Gesellschaftsgefüges aufrecht zu erhalten (Kultur- und Sprachenpolitik), durch Konzessionen an religiöse Gruppen den auf der einen Seite liberal-demokratischen, auf der anderen Seite jüdischen Doppelcharakter des israelischen Staates zu wahren (Personenstandsrecht) sowie in Rückgriff auf vor allem die palästinensischen Israelis betreffende Sonderrechte (zum Beispiel die Entbindung von der Wehrpflicht) Konflikte nicht eskalieren zu lassen.

Ein Fragekomplex, der aus diesen dargestellten Entwicklungen und Konfliktlagen entspringt, besteht darin, ob sowohl in Bezug auf innergesellschaftliche Einstellungen als auch kollektive Willensbildungsprozesse und -entscheidungen von Ansätzen einer Politik des Multikulturalismus gesprochen werden kann. Ausgehend vom Doppelcharakter des israelischen Staates nehme ich an, dass in Bezug auf Gruppen, die der jüdischen Identität zugeordnet werden können, von einer normativ multikulturalistischen Tendenz zu sprechen ist, während hinsichtlich der arabischen Bevölkerungsteile1 sich multikulturalistische Ansätze nicht auf die Anerkennung als nationale Minderheit beziehen, sondern lediglich jenen der Status religiöser Minderheiten zuerkannt wird. Demzufolge zielt mein Erkenntnisinteresse auf die Beantwortung der Fragestellung ab: Inwieweit lässt sich vor dem Hintergrund der politischen (und gesellschaftlichen) Antworten Israels auf seine soziale und kulturelle Diversität von einer Politik des Multikulturalismus gegenüber jüdischen und arabischen Bevölkerungsgruppen sprechen, und an welche Theorien des Multikulturalismus sind jene Ansätze anknüpfungsfähig?

Hier die gesamte Arbeit lesen.

Tagged as: , , , ,

is
Email this author | All posts by

One Response »

  1. was sind das für Zeiten, in denen BDM-Mädchen für Gay-Pride-Parties werben…Nazi-Fetisch bei Männern kenn ich ja,. aber dass auch Frauen drauf stehen, war mior neu. Dass der BAK und Herr Krüger damit kein Problem haben, überrascht mich wiederum garnicht.

Leave a Reply