Nicht immer ganz bequem

By stfn • Nov 27th, 2009 • Category: Berichte

»Zwischen allen Stühlen«, kaum passendere Worte könnten sich für das wechselvolle Leben des österreichischen Journalisten Karl Pfeifer finden lassen. Am Abend 13. November bot sich ca. 35 Zuhörerinnen und Zuhörer auf der Veranstaltung des BAK Schalom »Zwischen allen Stühlen – Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer« im Rahmen der »Aktionswochen gegen Antisemitismus 2009« die Chance an der bewegenden Geschichte dieses Mannes, denn wir als unseren Gast begrüßen durften, teilhaben zu können. Seit den 80er Jahren hält er mit seinen akribischen Recherchen und Veröffentlichungen (zum Teil in sechs verschiedenen Sprachen) der österreichischen und ungarischen Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht. Als einer ihrer schärfsten Kritiker, scheute und scheut er nicht Antisemitismus, Rassismus und Antiziganismus offen zu benennen und anzuprangern. Doch seine derzeitige Tätigkeit als Journalist, Autor und Koautor bildeten nur einen Aspekt des Abendprogrammes. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Film von Daniel Binder, Mary Kreutzer, Ingo Lauggas, Maria Pohn-Weidinger und Thomas Schmidinger über den Lebensweg Karl Pfeifers.

Als Zehnjähriger musste er mit seiner Familie aus Österreich, vor den Nationalsozialisten und der drohenden Vernichtung, fliehen. Vier Jahre später erreichte er mit einem der letzten Kindertransporte der sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung »Hashomer Hatzair« das britische Mandatsgebiet Palästina. Fortan lebte er im Kibbuz, kämpfte im Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 in der noch jungen Armee und den »Palmach«-Brigaden und kehrte anlässlich drohender Arbeitslosigkeit Anfang der 50er Jahre in das Wien der Nachkriegszeit zurück. Die Filmemacherinnen und Filmemacher begleiteten Karl Pfeifer an die zentralen Orte seines Lebensweges. Orte, an denen er antisemitischen Angriffen ausgesetzt war. Orte, an denen er seine politischen Einstellungen schärfte. Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitet er als Wiener Korrespondent des Israelischen Radios und als freier Journalist des monatlich erscheinenden antifaschistischen Londoner Magazins »Searchlight« und der Budapester Wochenzeitung »Hetek«. Er gilt als ausgewiesener Kenner der Nazi-Szene in Ungarn und engagiert sich seit Jahrzehnten gegen die rechte FPÖ.

Mit dem filmischen Beitrag den Lebenswegen zu folgen bedeutete im gleichen Zuge auch den Bahnen und Verstrickungen des österreichischen und ungarischen Antisemitismus zu folgen. Im Anschluss des Films entwickelte sich eine anregende und lebhafte Diskussionsrunde zwischen Gast und Publikum. Vor allem die Thematik der derzeitigen lebensgefährlichen Situation der Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden sowie aktiver Linker in Ungarn stieß auf offene Ohren. Es wird sicher nicht die letzte Veranstaltung ihrer Art gewesen sein und wir hoffen bald wieder den Kollegen Karl Pfeifer in Berlin oder anderswo begrüßen zu dürfen.

Nachtrag: In der vergangenen Woche sollte in einem Bielefelder alternativen Kulturzentrum mit Pfeifer ein Vortrag über die extreme Rechte in Ungarn stattfinden. Die Veranstaltung musste allerdings in einen anderen Raum verlegt werden, weil einige AJZ-Aktivisten den Vortragenden ablehnten: Er sei Gerüchten zu Folge in einer jüdischen Militäreinheit gewesen, die vermeintlich an einem „Massakern” beteiligt war und außerdem ja ein “Zionist“ sei .
Der BAK Schalom solidarisiert sich mit Karl Pfeifer und ächtet jede Form eines linken Antisemitismus und Antizionismus. Es ist fatal und ein erschreckendes Signal, dass nach den erst kürzlich antisemitischen Übergriffen gegen die Filmvorführung des Lanzmann-Films “Warum Israel” durch sich selbst als links bezeichnende Aktivisten in Hamburg, erneut ein jüdischer Antifaschist und Holocaustüberlebender aus angeblich linken Kreisen in so ungeheuerlicher Weise diffamiert und angegriffen wird.

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One Response »

  1. [...] Woche sollte dort eine Veranstaltung der Antifa AG über Antiziganismus und Antisemitismus mit Karl Pfeifer stattfinden. Nur wurde das kurzfristig von der Kneipengruppe verhindert. Ich wollte da erst hin, [...]

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