Täter, du Opfer!

By stfn • Nov 3rd, 2009 • Category: Gesellschaft

Aus Kreisen des LAK Shalom Brandenburg wurde am 3. November ein Kommentar verfasst, dass das grausige Geschichtsverständnis des Herrn Matthias Platzeck scharf kritisiert. Wir wollen jenes an dieser Stelle dokumentieren.

Im heute erscheinenden Spiegel veröffentlicht Matthias Platzeck einen Essay, der sein katastrophales Geschichtsbild offenbart.

„Versöhnung ernst nehmen“ fordert Platzeck, und es geht ihm hierbei in erster Linie um die Versöhnung der seiner Meinung nach politischen Nachkommen von SED und Stasi, der LINKEN, und der SPD. Dass allein dürften schon viele Mitglieder der Linkspartei als wenig schmeichelhaft empfinden, aber Platzeck geht noch einen Schritt weiter, indem er ein für ihn gelungens Beispiel von „Versöhnung“ und „Integration“ aufführt: Gespräche zwischen Kurt Schuhmacher und ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS 1951.

„Die gelungene Demokratisierung, die Westdeutschland nach 1945 sehr zügig zu einem anerkannten Staat unter Gleichen machte, konnte überhaupt nur unter der Voraussetzung gelingen, dass ehemalige Mitläufer und wo verantwortbar selbst Täter des Nationalsozialismus nicht dauerhaft ausgegrenzt blieben, sondern einbezogen wurden“, schreibt Platzeck. Und: „Als daraufhin [nach Schuhmachers Treffen mit den Ex-Waffen-SSlern] eine internationale Organisation jüdischer Sozialisten Protest erhob, erwiderte Schumacher, viele der 900.000 Überlebenden der Waffen-SS seien gegen ihren Willen in diese Organisation eingezogen worden.“ Es ist eine verquere Sicht auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft, zu behaupten, Nazi-Täterinnen und Täter wie die Angehörigen der Waffen-SS seien jemals, geschweige denn „dauerhaft ausgegrenzt“ worden. Die Deutschen – und unter ihnen eine überwiegende Mehrheit von TäterInnen, MitläuferInnen, ZuschauerInnen – grenzten sich nicht gegenseitig aus, vielmehr unterschrieben sie sich ihre „Persilscheine“, seufzten „Davon haben wir nichts gewusst“ und fuhren mit ihren nun „Volkswagen“ genannten „Kraft-durch-Freude-Wagen“ schnell wieder in die scheinbare Normalität des „Wirtschaftswunders“. Ausgegrenzt wurden nicht die Angehörigen der Waffen-SS, ausgegrenzt wurden die, die es wagten, die Mehrzahl der Deutschen an ihre Verbrechen zu erinnern: Das Leid der Überlebenden von Konzentrationslagern wurde ignoriert und oft genug geleugnet (wie im von Platzeck zitierten Fall der Einwand der jüdischen Sozialisten: Potentielle und tatsächliche Überlebende der Shoah, deren Einwand von Schuhmacher weggewischt wurde), während führende Vertreter des „Dritten Reichs“ bald wieder in Amt und Würden waren. „Überlebende“ erwähnt Platzeck freilich auch: 900 000 der Waffen-SS. Findet Platzeck es erstaunlich, dass so viele Mitglieder der deutschen Elite-Einheit beispielsweise das SS-Massaker in Oradour-sur-Glane überlebten, bei dem 642 französische Zivilisten, darunter 245 Frauen und 207 Kinder, erschossen wurden, oder auch die Massenerschießung von Babi Jar, bei der Angehörige der Waffen-SS und der Wehrmacht etwa 33 000 Juden ermordeten, von den Konzentrations- und Vernichtungslagern, die die Waffen-SS bewachte, ganz zu schweigen? Hier von „Überlebenden“ zu sprechen, ist ein unglaublicher Fall der Täter-Opfer Umkehr.

Platzeck bezieht sich positiv auf Schumacher, den er wie folgt zitiert: „Die Mehrzahl dieser 900.000 Menschen ist in eine ausgesprochene Pariarolle geraten … Uns scheint es eine menschliche und staatsbürgerliche Notwendigkeit zu sein, diesen Ring zu sprengen und der großen Masse der früheren Angehörigen der Waffen-SS den Weg zu Lebensaussicht und Staatsbürgertum freizumachen“. Die Angehörigen der Waffen-SS sind Ausgestoßene, es ist eine menschliche Pflicht, ihnen Aussicht auf Leben und Staatsbürgertum zu verschaffen? Schade, dass die meisten Deutschen diese menschliche Pflicht nicht bei der Verfolgung und Vernichtung ihrer jüdischen Nachbarn sahen, schade auch, dass sie die selbst Kriegsverbrecher so gut integrierten, dass die meisten Prozesse in der BRD wirkungslos im Sande verliefen – und sich der Staatsanwalt der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, Fritz Bauer, aus Verzweiflung selbst umbrachte.

Dass Platzeck das Leugnen der eigenen Schuld durch die Deutsche Bevölkerung als eine tolle Integrationsleistung für TäterInnen und MitläuferInnen interpretiert, ist skandalös. Dagegen fällt sein eigentliches Anliegen schon kaum noch ins Gewicht: Genau diese Integrationsleistung soll nun bei den TäterInnen und MitläuferInnen der „SED-Diktatur“ wiederholt werden, hier ist sie im Gegensatz zu den 50er Jahren in Westdeutschland noch ausgeblieben. Ungeheuerliche Paralellen - Platzeck fühlt sich anscheinend als wiederkehrender Kurt Schumacher, DIE LINKE sieht er nicht nur als Nachfolgerin von SED und Stasi, sie ist irgendwie auch die Waffen-SS der Rot-Roten Koalition.

Es gäbe noch viel zu sagen zu den Ansichten des Ministerpräsidenten, doch belassen wir es zum Abschluss bei Platzecks Verständnis einer gelungenen „Vergangenheitsbewältigung“: „Ob wir die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen, erweist sich deshalb weniger in ritualisierter Vergangenheitsbewältigung als in unserer Bereitschaft zu tätigem Neubeginn. Wer sich dazu bereit findet, muss Demokraten willkommen sein. Das galt in den Jahrzehnten nach 1945 in der westdeutschen Bundesrepublik, es muss endlich genauso für das seit 20 Jahren vereinigte Deutschland gelten.“ Die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zieht der, der bereit ist, beim Neuanfang mit anzupacken – dann muss er DemokratInnen willkommen sein. Zugespitzt formuliert: Wer z.B. in Auschwitz Juden in die Gaskammer geschickt hat, darf ab 1945 wieder ganz demokratisch mitmachen, wenn er z.B. Arbeitsplätze schafft.

Vor der Erinnerungspolitik von diesem Matthias Platzeck kann einem nur Angst und Bange werden.

Hier der Essay “Versöhnung ernst nehmen - Warum unser Land endlich inneren Frieden braucht”

Presseerklärung: Linksjugend ['solid] entsetzt über Platzecks Geschichtsbild (03.11.2009)

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