Für ein differenziertes Israelbild – Kurzinterview mit Angelika Timm

By • Aug 22nd, 2009 • Category: Gesellschaft, Hauptartikel

Angelika Timm ist Leiterin des Regionalbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv, das März 2009 eröffnet wurde. Der BAK Shalom stellte ihr vier Fragen.

Wozu eine Stiftung im Nahen Osten? Was wird sich erhofft? Wie fällt die Resonanz dazu in Israel und in Deutschland aus?
Die Tätigkeit des vor wenigen Monaten eröffneten Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Ramallah und Tel Aviv ist Teil der internationalen Arbeit der RLS, die – neben Nahost – auch über Dependancen in Osteuropa, Lateinamerika, Ostasien und Südafrika verfügt. Das Tel Aviver Büro ist bestrebt, vor allem auf drei Ebenen zu wirken – a) in Israel Informationen über politische und soziale Entwicklungen in Deutschland, insbesondere auch über die deutsche und europäische Linke, zu vermitteln; b) zivilgesellschaftliche Projekte im Lande zu unterstützen und c) dazu beizutragen, dass das Israel-Bild in Deutschland, nicht zuletzt unter deutschen Linken, jenseits ungerechtfertigter Verteufelung oder Verklärung Israels, umfassender und differenzierter wird.
Die breite Teilnahme an Veranstaltungen sowohl in Tel Aviv als auch in Berlin zeigt, dass die öffentliche Resonanz positiv ist und insbesondere das Informations- und Bildungsangebot der Stiftung angenommen wird.

Welche Projektpartner gibt es?
Die RLS arbeitet bereits seit Jahren mit israelischen NGOs zusammen, die sich jüdisch-arabischer Verständigung, der Friedenserziehung und der Stärkung sozial schwacher Bevölkerungsschichten widmen. Unser Fokus liegt dabei auf alternativer Bildungsarbeit. Im Vordergrund stehen Projekte, die Wissen vermitteln und insbesondere auf die Stärkung demokratischer Normen und Werte, auf Dialog und Verständigung gerichtet sind. Wir unterstützen z. B. ein Frauenprojekt, das orientalisch-jüdische Frauen, Palästinenserinnen und Beduininnen zum kreativen Schreiben anleitet. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Krieg und Frieden die individuellen Schicksale beeinflussen. Eine deutsche Stiftung, die in Israel tätig ist, kann und will zudem die Spezifik der deutsch-israelischen Beziehungen nicht außer acht lassen. Diese – aus der deutschen Verantwortung für die Schoah resultierende – Spezifik ist eine wichtige Grundlage auch für das Wirken der RLS in Israel.

Wird nach dem Anschlag auf die Gay-Community Tel Avivs darüber nachgedacht, die Palette der Projektpartner in diesem Bereich zu erweitern?
Der Mordanschlag auf das Zentrum für Schwule und Lesben im Nebenhaus des RLS-Büros in Tel Aviv hat uns tief getroffen. Wir stehen in Kontakt mit der LGTB-Community und prüfen die Möglichkeit einer konkreteren Zusammenarbeit. Z. Zt. wird z. B. ein Projektantrag der „Agudah“ diskutiert, ein gemeinsames Bildungsseminar durchzuführen bzw. den deutsch-israelischen Erfahrungsaustausch zu intensivieren.

Was können die deutsche und die israelische Linke voneinander lernen?
Deutsche und israelische Linke vereint zweifellos das Streben nach einer sozial gerechteren Gesellschaft und nach friedlichen Existenzbedingungen. Sie wirken jedoch unter recht unterschiedlichen gesellschaftlichen Gegebenheiten. So ist die jeweilige Definition von „Links“ durchaus nicht identisch. In Israel ist das politische Spektrum in hohem Maße durch den Nahostkonflikt geprägt. Seit 1967 gilt als „links“, wer sich für einen israelisch-palästinensischen Ausgleich einsetzt; „rechts“ zu verorten sind die Gegner jeglichen Kompromissdenkens. Nicht wenige Israelis waren jahrzehntelang der Meinung, solange der Nahostkonflikt andauere, sei die Beschäftigung mit sozialen Entwicklungsfragen oder mit dem Schutz der Umwelt Luxus. Diesbezüglich hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. So sind für deutsche Linke zweifellos die kommunalpolitischen Ansätze der Tel Aviver Bewegung „A City for All“ anregend. Ihr ist es 2008 durch die Verbindung der politischen Farben „Rot“ und „Grün“ z. B. gelungen, der auch in Israel grassierenden Politikverdrossenheit entgegen zu wirken und insbesondere junge Menschen für Politik zu interessieren.

Tel Aviv, 20. August 2009

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  1. […] Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York findet ihr auf ihrer Homepage. Außerdem möchten wir auf ein Interview mit Angelika Timm aus dem Jahr 2009 verweisen, in dem sie die Arbeit des Büros der […]

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