Kämpferische Trauer in Tel Aviv

By • Aug 5th, 2009 • Category: Berichte

Die Auseinandersetzung wird intensiver werden
von Klaus Lederer

„Mama, ich wollte dir noch was Wichtiges sagen, aber ich bin nicht mehr dazu gekommen“ steht auf einem Transparent, das ein Jugendlicher trägt. Auf den Steinen des Yitzchak-Rabin-Platzes sind große, weiße Blätter ausgelegt, auf denen geschrieben und gezeichnet wird. Farbtöpfe stehen daneben. „Ich will nicht nach Kanada auswandern!“, „Homophobie + Kapitalismus + Rassismus + Chauvinismus = Unterdrückung und Gewalt“ und viele andere Losungen fließen aus den Pinseln. Regenbogenfahnen und -Shirts sind zu sehen, auch die grünen Fahnen der Transgendergruppen, und es werden Flugblätter verteilt.

Vielleicht 200 Menschen haben sich am Rabin-Platz getroffen. Es ist keine richtige Demonstration. Eher ein Treffen zum Innehalten, Trauern, sich gegenseitig in den Arm nehmen. Kerzen werden angezündet. Sie bilden ein Peace-Zeichen und markieren das Datum den Anschlags auf das Zentrum in der Nahmanistraße: 1. 8. 09. Das Datum ist einschneidend, schockierend für Alle hier. Über diesen Tag wird noch lange Zeit in Trauer und Wut gesprochen werden.

Mit dem Megafon sprechen jetzt Freundinnen und Freunde von Nir Katz und Liz Trobishi, auch Jugendliche, die am 1. August im Zentrum waren. Es fällt ihnen mehr als schwer. Die Tränen sind kaum zurückzuhalten, Umstehende helfen ihnen dabei, die Balance zu halten. Aber es erleichtert auch, mit der Fassungslosigkeit zu Recht zu kommen, Luft zu bekommen, wieder freier atmen zu können.

Jetzt haben viele von uns feuchte Augen. Anderes, was schier unfassbar scheint, wird aufgeworfen: Eltern besuchen ihre Kinder im Krankenhaus nicht, weil sie erstmals erfahren haben, dass sie lesbisch oder schwul sind. Ein Aufruf zur Solidarität: Lasst sie nicht allein, geht hin, besucht diejenigen, die bei dem Anschlag verletzt worden sind. Grüße werden überbracht von den zeitgleich stattfindenden Demonstrationen in Berlin und Washington.

Noch immer läuft der Killer frei herum. Die Polizei warnt vor voreiligen Schlüssen, weist darauf hin, dass es für diese Bluttat mehrere Ursachen geben könne. Am Ort des Anschlags selbst erweisen viele Tel Aviver den Opfern ihre Kondolenz. Auch Ultraorthodoxe sind unter ihnen.

Trotzdem kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Mord im Jugendzentrum Israel verändern wird. Am Abend selbst waren wir im Zentrum Tel Avivs unterwegs. Nur zufällig sind wir nicht wie geplant in dem belebten und beliebten Teil der Stadt gelandet, in dem sich das allen Jugendlichen hier bekannte Café Noir, der Rothschild-Boulevard, die Räumlichkeiten von „A City for All“, auch das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung, befinden. Ihm gleich gegenüber liegen die Räume der Agudah, der Gruppe, die Jugendlichen im Coming Out zur Seite steht – der Ort der Geschehnisse am 1. August.

Und dennoch war bereits wenige Minuten nach 23 Uhr in der ganzen Stadt die Spannung zu spüren, die durch die furchtbare Tat ausgelöst worden ist. Die TV-Screens in den Cafés, Läden und Restaurants kannten alle ein Bild: Absperrung, Krankenwagen, Sirenen, Polizei, erschütterte Menschen, die kaum in der Lage waren, ihre Empfindungen in Worte zu fassen. Viele Passantinnen und Passanten blieben vor ihnen stehen, blickten nachdenklich und schockiert.

Und wer auch immer für die Morde verantwortlich ist – in den Mittelpunkt rücken dieser Tage die vielen herablassenden und beleidigenden homophoben Äußerungen von Ministern und Knessetabgeordneten aus den letzten Monaten, die Proteste von ultraorthodoxen Gruppen beim diesjährigen GayPride in der Stadt. Kaum jemand am Rabin-Platz hat Zweifel, dass dieses gesellschaftliche Klima ein solches Verbrechen zumindest mit ermöglicht hat. Daran können auch die Worte der Ablehnung und Verurteilung nichts ändern, die noch am Abend und am darauffolgenden Morgen vom politischen Establishment Israels, einschließlich der ultrareligiösen Schas-Partei, äußert worden sind. In den wenigen Tagen seitdem haben wir im Stadtbild Tel Aviv eines sehr häufig gesehen, was vorher nicht in dem Maß präsent war: Regenbogenfahnen an Häusern und auf Balkonen in der „weißen Stadt“.

In den nächsten Wochen und Monaten wird ganz sicher eine von den vielen zentralen Auseinandersetzungen, die die israelische Gesellschaft durchziehen, mit noch weniger Duldsamkeit und Gelassenheit geführt werden – und es wird für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender dabei hoffentlich mehr Mitstreiterinnen und Mitstreiter geben, die durch dieses furchtbare Ereignis aufgerüttelt sind: Es geht um die Frage, in welchem Verhältnis das religiöse Bekenntnis, die ideologischen und rechtlichen Grundlagen des Staates und das Recht, das eigene Leben nach seinen Vorstellungen und Bedürfnissen einzurichten, in Israel zueinander stehen. Für diesen Kampf wird es viel Solidarität geben müssen, auch internationale Unterstützung und Hilfe.

Auch uns tat es gut, unseren Freund Sharon heute auf den Rabin-Platz zu begleiten. Am Samstag findet nach dem Shabbat-Ausgang eine hoffentlich große Demonstration in Tel Aviv statt, zu der viele Organisationen und Einzelpersonen aufgerufen haben. Wir werden auch dort sein und diese Demonstration als unseren letzten Eindruck von Israel mit nach Berlin nehmen.


Fotos von der Demonstration zur Solidarisierung mit der Gay-Communtiy in Israel, am 04.08.2009 in Berlin, gibt es u. a. hier.

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