Homosexuality is not a crime – not even in Tel Aviv!

By stfn • Aug 3rd, 2009 • Category: Gesellschaft, Hauptartikel

Our comment in English (short version):

On the eve of August 1st 2009 an illusion collapsed: Tel Aviv, well known for it’s tolerance, cosmopolitanism and it’s gay community now belongs to those cities in the middle east, where gays, lesbians, trans-genders, bisexuals, and everyone else, who does not comply with the hetero-normative gender pattern have to live in anxiety for their health and lives.

The members of BAK Shalom are grieving for the victims. We stand with the families and with the LGBT-community. We condemn the attack on the gay centre and it’s visitors, which in fact was an attack on the whole LGBT-community of Israel. We hope that the community will recover from the shock of the attack and that the culprit will be caught soon.

Qur comment in German (long version):

Am Abend des 1. August 2009 bricht eine Illusion zusammen: Tel Aviv, bekannt für ihre Toleranz, Weltoffenheit und ihre Gay-Community gehört nun ebenfalls zu jenen Städten des Nahen Ostens, in denen Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und all jene, die nicht in das heteronormative Geschlechterbild passen, um ihre Gesundheit und um ihr Leben fürchten müssen.

Zum Tathergang: Ein vollkommen schwarz gekleideter Mensch richtete wahllos seine Schnellfeuerwaffe auf Besucher_innen eines Gay-Cafés und tötete auf Anhieb 2 Menschen – Nir Katz (26) und Liz Tarbishi (17). Außerdem wurden eine Vielzahl weiterer Besucher verletzt, zum Teil schwer. Sie schweben noch immer in Lebensgefahr.

Wir – die Mitglieder des BAK Shalom – trauern um die Opfer und stehen den Angehörigen und den Mitgliedern der LGBT-Community zur Seite. Wir verurteilen aufs Schärfste den Angriff auf das Zentrum und seine Besucher, der ein Angriff auf die gesamte LGBT-Community Israels ist.

Wir hoffen, dass sich die Szene so schnell wir möglich von diesem Schock erholt und der Täter gefasst werden kann – bisher ist er noch immer auf freiem Fuß.
Besonders schockierend ist, dass selbst Tel Aviv Opfer solcher Anschläge werden konnte, die Szene ist allgemein akzeptiert, fast täglich werden Gay-Parties gefeiert, es gibt Schwulen- und Lesbenbars. Homosexualität wird in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt, einmal im Jahr findet die Gay-Parade mit zehntausenden von Besucher_innen statt, die Schwule aus allen Teilen der Welt nach Tel Aviv zieht.

Weitere Hintergründe: Vergleicht man Israel mit seinen Nachbarländern, so gilt das Land als das liberalste und sicherste für Schwule, Lesben, Transgender und Bisexuelle: „Eine außerhalb Israels geschlossene homosexuelle Ehe wird vom Staat anerkannt, und Paare gleichen Geschlechts dürfen Kinder adoptieren. Schwule und Lesben dienen in der Armee. Geschlechtsumwandlungen sind erlaubt und werden durchgeführt. Die LGBT-Gemeinde wird von weiten Bevölkerungsteilen akzeptiert. Lesben und Schwule sind in der Politik, im Wirtschaftsleben, im Rechtswesen, in den Streitkräften und in der Kulturszene vertreten.“, so im Text „60 Jahre Israel: Die Rechte von Schwulen und Lesben in Israel“.

Nichtsdestotrotz gibt es eine Vielzahl von Menschen mit homophoben Einstellungen, die in erster Linie religiös motiviert sind. Auch in der israelischen Politik macht sich dies bemerkbar. 2008 erklärte der Abgeordnete Shlomo Benizri (Mitglied der ultraorthodoxen Shas-Partei) in einer Knessetsitzung zu seismographischen Aktivitäten die Homosexualität für Erdbeben verantwortlich. Shas wird überhaupt nach dem Angriff in Tel Aviv für die Tat verantwortlich gemacht. Sie hätten den Hass zugespitzt mit Aussagen, Homosexualität sei Gotteslästerung und neben der Erdbeben auch für Seuchen verantwortlich.

Nitzan Horovitz (Mitglied der linkszionistischen Meretz) – einziger Knessetabgeordneter, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt, erklärt dazu: „There has been non-stop incitement. I very much hope this is not the result of comments made by public figures and Knesset members. They need to understand that some people will take action.“

Horovitz macht sich nun stark, dass der Übergriff während der nächsten Knessetsitzung auf die Tagesordnung kommt und dieser durch das israelische Parlament verurteilt wird.

Die Chancen stehen dafür nicht schlecht: Der Premierminister Netanjahun verurteilt die Tat („I unequivocally condemn the shocking murder.“) genauso wie sein Vize Silvan Shalom („This is a terrible and grave incident, where young people are hurt for no fault of their own. This cannot be called anything other than a terror attack, and it necessitates thorough investigation and the bringing of the murderer to justice.“). Auch Oppositionsführerin Zipi Livni („This difficult event must bring society to shake off prejudice, and to accept and recognize the right of every person to live in respect and safety.“) zeigt sich geschockt und bekundet Anteilnahme. Israels Staatspräsident Shimon Peres („Murder and hate are the two most terrible crimes in society.“) macht auf die gesellschaftlichen Folgen des Angriffs aufmerksam.

Es ist positiv festzustellen, dass der Anschlag fraktionsübergreifend und vom Großteil der Bevölkerung verachtet wird. Dennoch sind die Folgen für die Szene nicht absehbar. Wird sich die Community erholen können? Und wenn ja, wie schnell? Dafür sind vor allem drei Faktoren abhängig:

1.Kann der Täter gefasst werden und wird er für sein Handeln gerecht bestraft?
2.Wie stark fällt die Solidarität mit der Community aus?
3.Welche Konsequenzen fällt die Politik? Wie schnell werden andere Themen die Diskussion verdrängen?

Israel zählt zu den fortschrittlichsten und modernsten Ländern des Nahen Ostens. Aber dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land und seine Gesellschaft eine Vielzahl innenpolitischer Konflikte austrägt, die sich vor allem mit dem Thema Religion beschäftigen. Wie viel Religion darf die Politik bestimmen? Inwiefern beeinflusst sie den Alltag in Israel? Und an dieser Stelle werden einige Mängel deutlich, die vom Einstellen der öffentlichen Verkehrsmittel während Shabbat bis hin zum Fehlen einer Zivilehe reichen. Sicher ist es möglich, Schlupflöcher zu finden, bspw. Sammeltaxis für Shabbat oder der Eheschluss im Ausland, der dann in Israel auch anerkannt wird. Aber diese beiden Beispiele machen dennoch deutlich, dass Israel ein Problem mit seiner (ultra)orthodoxen Minderheit hat.

Der BAK Shalom macht schon in seiner Grundsatzerklärung deutlich, dass wir für eine Liberalisierung und Demokratisierung des Nahen Ostens eintreten, was zugleich ein Eintritt für sexuelle Selbstbestimmung ist. Wir wünschen uns daher, dass es zukünftig noch stärkere Bemühungen in Israel geben wird, die die Trennung von Religion und Staat vorantreiben. Wir hoffen, dass der Anschlag dafür eine Initialzündung sein kann; wir sind es den Opfern schuldig.

Der BAK Shalom wird zukünftig noch intensiver den Kontakt zur israelischen Gay-Community suchen und die Themen Nahost, Queer und Feminismus miteinander verbinden. Im Juni nahmen Mitglieder des BAK Shalom an der Gay-Parade in Tel Aviv und Jerusalem teil. Ich selbst arbeite in einem israelischen Frauenhaus als Freiwilliger. Wir unterstützen Partyprojekte wie „Berlin Meshugge“, die von einer deutsch-israelischen Gay-Community in Berlin organisiert wird, ihnen drücken wir ebenfalls unser Beileid aus und wünschen ihnen Kraft. Diese Worte werden wir in einem Kondolenzschreiben zudem an AGUDA senden, Verband israelischer Schwulen, Lesben, Bisexueller und Transgender.

In diesem Zusammenhang weisen wir auf die Arbeit des Tel Aviv-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung hin, das es seit Anfang des Jahres gibt. Das Büro zeichnet sich vor allem durch Arbeit zum Thema Feminismus aus. Wir heben diese Arbeit hervor und hoffen, dass das Büro zukünftig Ressourcen hat, das Themenspektrum auch um Schwul-Lesbische Projekte zu erweitern.

Für den 4. August ist zu 17 Uhr auf dem Breitscheidtplatz eine Demonstration unter dem Motto „Gegen Homophobie – Solidarität mit den Opfern des Anschalgs in Tel Aviv“ geplant, die wir ebenfalls unterstützen. Wir rufen alle auf an dieser Demonstration teilzunehmen, um Anteilnahme und Solidarität zu bekunden.

Stefan Kunath, stellvertretender Bundessprecher des BAK Shalom
Jerusalem, 3. August 2009


aus der Linken dazu:
Kondolenzschreiben des Religionspolitischen Sprechers der Bundestagsfraktion Bodo Ramelow | 03.08.2009

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6 Responses »

  1. [...] Wir weisen zudem auf den Text des BAK Shalom hin: Homosexuality is not a crime – not even in Tel Aviv! [...]

  2. Leutchens, ihr werdet hier ziemlich gebasht: http://www.wadinet.de/blog/?p=2042#comment-41475

    Solidarität unter Antideutschen und rechtsliberalisierten Ex-Antideutschen ist wohl ein Fremdwort…

    Ansonsten: der Titel ist grottig! Statt “Homosexualität ist kein Verbrechen - NOCH NICHT MAL in Tel-Aviv!” sollte es heissen “GERADE NICHT in Tel-Aviv”. “Noch nicht mal” klingt eher nach Teheran…wo Homophobie ja irgendwie auf der Tagesordnung steht.

  3. Ich finde die Überschrift auch extrem ungücklich gewählt. Schließlich ist ja Israel und insbesondere Tel Aviv im Verhältnis zum Rest der Welt (und speziell der Region) eine Insel der Emanzipation. Da wirkt die Überschrift etwas schräg.

  4. Vielleicht nicht die absolut beste Überschrift aber der Inhalt des Artikels macht doch klar, worum es geht und lässt keinen Zweifel daran, dass das was Du gesagt hast geteilt wird. Ich finde, man sollte den Inhalt nicht anhand der Überschrift aufhängen.

  5. An dem Text ist ja auch nix auszusetzen. Aber an der Überschrift eben schon. Ich denke, nur Flachpfeifen werden danach dem vorwerfen, falsche Freund_innen-Israels zu sein. Aber bei vielen wird trotzdem die Überschrift für Irritationen sorgen. Aber natürlich hast du in sofern recht, als das es anders rum schlimmer wäre, ‘ne gute Überschrift und sonst nix zu sagen.

  6. [...] zum ende hin noch ein kleiner überblick auf die debatten und gedanken in deutschland zum anschlag: Fight homophobia! – eine spontane Demonstration in Rostock, “BERLIN QUEER´s STAND WITH YOU!”, Homosexuality is not a crime – not even in Tel Aviv! [...]

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