„Guten Morgen, es ist Krieg.“
By stfn • Apr 29th, 2009 • Category: Gesellschaftvon Stefan Kunath
Wöchentlich besuche ich eine ältere Dame namens Cary Klötzel in Jerusalem. Sie ist 73 Jahre alt, wacklig auf den Beinen, aber noch immer fit im Kopf und offen für ihre Umwelt. Wenn ich sie besuche, reden wir neben den alltäglichen Dingen über ihre Familiengeschichte, über Kunst & Kultur, über die Unterschiede zwischen Deutschland und Israel, und warum so viele junge Israelis so fasziniert von Berlin sind.
Seit September 2008 leiste ich ein Freiwilliges Soziales Jahr mit Hilfe der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (kurz: ASF). ASF gibt es seit 1958 und hat es sich zur Aufgabe gemacht, jenen Ländern zu helfen, die einst dem nationalsozialistischen Größenwahn zum Opfer fielen. Neben meiner Tätigkeit in einem Frauenhaus, arbeite ich mit älteren Menschen zusammen, einer dieser ist die nette Dame Cary Klötzel.
Warum ich nach Israel gekommen bin, ist eine oftmals thematisierte Frage. Hier rede ich vom Schülerprojekt Building Bridges, das Begegnungen zwischen deutschen & polnischen Jugendlichen aus Frankfurt (Oder) und Slubice mit jüdischen und arabischen Israelis ermöglicht, sowie vom Arbeitskreis Shalom innerhalb des Jugendverbandes der Partei Die Linke, der Antisemitismus & Antizionismus durch verschiedenste Projekte bekämpfen will.
Irgendwie links ist auch Frau Klötzel, allerdings scheint es so, als wenn es ihr wichtiger sei, einfach einen Weg zu finden, um mit dem Konflikt umzugehen. Sie erzählt von ihrem Dienst in der Royal Air Force während des Zweiten Weltkriegs genauso oft wie von den Anschlägen während der zweiten Intifada. Dann erzähle ich ihr stolz, wie ich zum ersten Mal eine Sprengung einer verdächtigen Tasche live miterlebte oder wie ich im Dezember vom Beginn der Gaza-Operation erfuhr: „Guten Morgen, es ist Krieg.“, weckte mich damals meine israelische Freundin nach einer wilden Partynacht in Tel Aviv. Das ist wohl das Besondere an Israel, dass sich gegensätzliche Gefühle nicht ausschließen, sondern lediglich ergänzen.
Eines dieser Beispiele ist auch Yom HaShoa, der Gedenktag für die jüdischen Opfer des Holocaust. Für zwei Minuten heulen die Sirenen und das Leben steht still. Das Land ist in tiefer Trauer, während sonst alles so schnell und hektisch wirkt. Auch im Kindergarten des Frauenhauses wurde eine sporadische Gedenktafel mit Kerzen und Bildern errichtet. Die Mütter und ihre Kinder gedenken genauso wie wir, die hier arbeiten. Und plötzlich fällt einem Kind ein, dass ich aus Deutschland stamme, von wo „auch die Nazis herkommen.“ Ein 8-jähriges Kind bringt mich in Verlegenheit, Recht hat es ja.
Auf der anderen Seite sind die jungen Israelis Deutschland gegenüber sehr aufgeschlossen. Fast alle waren schon in Berlin oder wollen dort hin. Nach 60 Jahren ist es unkomplizierter, und Reiseziele wie die USA sind durch Wirtschaftskrise sowieso in weite Ferne gerückt. Cary Klötzel findet es zwar schön, dass die jungen Israelis von heute die Welt entdecken wollen, wundert sich aber über die Blauäugigkeit. Immerhin wüssten sie nicht, wie sich Antisemitismus anfühle.
Denn präsent ist dieser noch immer, sei es in den Köpfen oder jedes Wochenende irgendwo in Deutschland auf einem Naziaufmarsch. Diese Tatsache niemals zu akzeptieren, ist mir in Israel mehr denn je klar geworden.
Dieser Artikel wurde am 29. April in der Märkischen Oderzeitung (Frankfurter Stadtbote) veröffentlicht, um einen Einblick in verschiedenste Möglichkeiten der Sozialen Arbeit im Ausland nach der Schulzeit zu geben. Stefan Kunath ist Mitglied des LAK Shalom Brandenburg und Gründungsmitglied des BAK Shalom.
stfn is
Email this author | All posts by stfn


