Israels arabische Stimme

By Henning • Jul 29th, 2008 • Category: Presseerklärungen

Im Folgenden dokumentieren wir die Übersetzung eines Artikels aus Israels größter Tageszeitung, der Yedioth Ahronot, vom 25. Juli 2008, in dem Mohammed Wattad, der Referent unserer jüngsten Veranstaltung in Berlin, vorgestellt wird. Die Übersetzung stammt aus dem Newsletter der Botschaft des Staates Israel

wattad.JPGMohammed Wattad ist eine Ausnahmeerscheinung. Mit gerade einmal 28 Jahren ist der israelische Araber bereits Doktor der Rechte und leistet nebenher wertvolle Aufklärungsarbeit für Israel. Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg kehrt er nun in seine Heimat zurück.

Am 21. Juli war er auf Einladung des ‚BAK Shalom der Linksjugend’ zu Gast im Berliner Karl-Liebknecht-Haus, um dort über die Möglichkeiten eines Friedens im Nahen Osten zu diskutieren. Er begann seinen Vortrag mit einer Gedenkminute für die entführten und ermordeten Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser. Im Interview mit Yedioth Ahronot skizziert er einige seiner Standpunkte.

„Israel ist kein Apartheidstaat. Ein Apartheidstaat ist ein Staat, in dem die Regierungsbehörden ein strukturelles und systematisches Programm der Diskriminierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen betreiben. Die Situation in Israel ist nicht so beschaffen. Richtig, es gibt Diskriminierung. Die Regierung selbst gibt zu, dass es Diskriminierung gibt und man das ändern muss. Aber das macht aus der Situation noch keine Apartheid. Der Staat selbst möchte kein Besatzungsstaat sein. Wir stehen einer schwierigen Situation gegenüber, und jeder gibt zu, dass man sie ändern muss, die Frage ist nur wie. Aber von hier zu dem Vergleich mit der Apartheid oder dem Nazismus ist der Weg sehr weit.“

„Es hat nie einen Staat Palästina gegeben. Das Wort ‚Palästina’ taucht im Koran überhaupt nicht auf. Es gab ein britisches Mandat über Palästina. Bis ins 19. Jahrhundert gab es überhaupt keine Staaten. Es gab Nationen und Völker. Niemand kann die Anwesenheit von Juden im Land leugnen. Sie waren zu verschiedenen Zeiten die Minderheit oder die Mehrheit, so dass die Begriffe „eingestammte Minderheit“ oder „eingestammte Mehrheit“, die die israelischen Araber benutzen, kein starker Punkt sind. Ich denke allerdings nicht, dass das Judentum eure Nationalität ist. Eure Nationalität ist hebräisch. So steht es auch in der Bibel. Aber das Jüdischsein des Staates und sein demokratischer Charakter schließen einander überhaupt nicht aus.“

„Die Geschichte der ‚Nakba’ unterscheidet sich nicht sehr von anderen Geschichten. Es ist unstrittig, dass der Staat Israel nicht auf friedlichem Wege im Land entstanden ist. Es gab Kriege, das ist eine Tatsache. Der Staat selbst hat eingestanden, dass in diesen und jenen Fällen Menschen gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben wurden, oder dass man sich zu diesem Zweck rechtlicher Praktiken wie der Ausrufung bestimmter Gebiete zu Militärzonen bediente. Unsere Sensibilität – von Arabern und Juden – ist manchmal stark übertrieben. Die Juden in Israel befürchten Gräuel, wenn jemand ‚Nakba’ sagt, da dies als Angriff gegen den Staat gewertet wird. Das ist nicht richtig. Das war ein Ereignis und war ein Ereignis. Dies muss man feiern und dies muss man erinnern. Die Nakba ist ein Wort, dass sich auf ein katastrophales Ereignis bezieht, das jemandem zugestoßen ist. Im Arabischen kann man von ‚Nakba’ sprechen, wenn dein Sohn auf gewaltsame Weise umgekommen ist oder bei einem schrecklichen Autounfall. Klar, dass Menschen, die ihre Häuser verloren haben – auch wenn sie nicht zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen wurden und die Umstände sie dazu bewogen, woanders hin zu ziehen – dies als ‚Nakba’ betrachten, und es ist angemessen, sich daran zu erinnern.“

„Im Falle der israelischen Araber ist Israel ihr Staat und das Arabertum ihre Nation. Das ist wie eine Mutter und ein Vater, die nie geheiratet haben. Ich kritisiere meine Eltern, wenn es nötig ist, und schmeichle ihnen, wenn sie es verdient haben. Ich bin Sohn der arabischen Nation, und ich kann das nicht leugnen. Wer an meiner Verbindung mit der arabischen Nation zweifelt, ist ein absoluter Idiot. Aber ein ebensolcher ist, wer an meiner Treue zum Staat zweifelt.“

Auf die Frage, ob er stolz auf den Staat Israel ist, entgegnet Wattad:

„Ja. In ihm bin ich aufgewachsen und habe eine Ausbildung erhalten, die ich an anderen Orten auf der Welt nicht unbedingt erhalten hätte, auch nicht in westlichen Staaten. Dies ist ein Staat, der sich mehr oder weniger um seine Bürger kümmert. Er fördert sie und gibt ihnen vollen Service. Auch ein Vater begeht manchmal Fehler und benachteiligt ein Kind gegenüber einem anderen. Das heißt nicht, dass er ein schlechter Vater ist. Mein Stolz auf den Staat ist nicht geringer als mein Stolz auf die arabische Nation.“

Ein Problem hat Wattad jedoch mit der Flagge und der Hymne:

„Es ist mir angenehmer, schweigend zur ägyptischen Hymne zu stehen, die von meiner Nation und nicht von meinem Staat ist. Die israelische Hymne spricht mich nicht an. Ich spüre nicht ‚die jüdische Seele tauen’. Die Version sollte die israelische Seele ansprechen und dadurch alle Bürger, die im Staat leben, einschließen. Die Juden in Kanada haben beispielsweise ein Problem mit der französischen Version der Hymne, wo vom kreuz die rede ist, und sie verlangen ihre Änderung. Die Forderung nach einer Änderung der Hymne oder der Flagge untergräbt nicht das Wesen des Staates. Es sind nicht die Symbole, die den Staat jüdisch machen. Er ist jüdisch wegen seines Charakters und des Rechts auf Rückkehr, das allen Juden auf der Welt gestattet, in den Staat Israel zurückzukehren. Ich habe damit kein Problem. Jeder Jude kann nach Hause zurückkehren, aber im Haus sollten alle gleich sein.“

(Yedioth Ahronot, 25.07.08)

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2 Responses »

  1. Eine sehr interessante Stimme, ich hoffe es gibt noch mehr so viele besonnene Stimmen. Vielleicht kann Israel auch so etwas mehr auf die Belange der Palästinenser eingehen, es kann für beide Seiten nur hilfreich sein.

  2. Die Palästinenser müssen sich erst mal selbst besinnen.

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