Erinnerungen an eine neue Erfahrung – Das 3. BAK-Wochenende der Linksjugend ['solid]

By dominik • Jul 16th, 2008 • Category: linksjugend ['solid]

„Es hat keinen Sinn zu warten bis es besser wird, das bisschen besser wär‘ das warten nicht wert“

(Die Sterne)

Gut drei Jahre nach meinem Wechsel in die Linke hatte ich ihn durchgehalten, meinen Vorsatz, nach den Jusos nicht wieder in einem Jugendverband, sondern nur noch richtige Politik zu machen. Mindestens zwei Erfahrungen waren es, die mich davon abbrachten. Die Perspektive einer anderen Gesellschaft lässt sich auf der Jahreshauptversammlung des Kölner Kleingärtnervereins Hoffnung e.V. noch eher erahnen als bei Mitgliederversammlungen der richtigen Partei. Hinzu kam, dass diejenigen, die sich aufmachten, in diesem Rahmen dennoch für ein wenig Emanzipation zu kämpfen, die richtige Struktur hierfür im Rahmen eines Bundesarbeitskreises (BAK) der Linksjugend vermuteten und diesen Shalom tauften.
So zog ich aus dem Rheinland aus und fand mich im größten Ballungsgebiet Europas nahe einem Kornfeld, einer Kuhweide und nicht zuletzt in einem Haus wieder, in dem ich vom Hausherr rüde angeschrien wurde, nachdem ich mir es erlaubt hatte, die innen obligatorischen Hausschuhe auch noch jenseits desselben zu tragen. Bei meiner Suche nach ein wenig Privatsphäre zum Telefonieren hatte ich den Wunsch der Gemeinschaft nach einem sauberen Boden in unangemessener Weise verletzt.
Trotz solcher Startschwierigkeiten verlebte ich einen erfolgreichen Samstag mit dem BAK Shalom und konnte mich mit Hölderlin davon überzeugen, dass wo Gefahr ist auch das Rettende wächst, auch wenn eine gewisse Ablehnung der anderen Linksjugendlichen im bzw. außerhalb des Raumes lag. Kulturelle Irritationen stellten sich erst zum Abend wieder ein. Der BAK Shalom hatte dankenswerter Weise für moderne Technik und Musik gesorgt und schickte sich an, eine gute Party für alle Linksjugendlichen, jenseits politischer Differenzen, zu organisieren. Leider jedoch wurde diese ausgestreckte Hand über- oder nicht gern gesehen, weswegen die andere Hälfte es sich mit einem portablen Radio und rauschenden Arbeiterliedern bei hoher Lautstärke gemütlich machte. Diesen Missstand offenbar langsam erkennend, bemühte sich nun jedoch auch die andere Seite, die entstandene Kluft mit kleinen orangenen Plastikschaufeln langsam zuzuschütten. Bei dem, wie uns am nächsten Tag versichert wurde altersgemäßen, Spielen von Flaschendrehen bestanden die Aufgaben in Dingen wie „ von jemand vom BAK Shalom das T-Shirt bekommen“ oder „jemand vom BAK Shalom auf den Mund küssen“. Wie schön und bereichernd doch auch kulturelle Unterschiedlichkeit sein kann, dachte ich still bei mir. Als nur wenige Minuten später dann ein betrunkenes Parteivorstandsmitglied, nennen wir es Richard W., den Selbstverständnisflyer des BAK Shalom auf einem Tisch stehen vortrug, war ich zufrieden, hatte die Beschimpfungen einer jungen Frau als „solches Arschloch“ wieder vergessen und konnte später zufrieden schlafen gehen.
Die Enttäuschung folgte jedoch auf den Fuß, oder besser gesagt auf dem Tisch, auf welchem zuvor unser gesamtes Info-Material und auch dasjenige anderer fortschrittlicher Organisationen gelegen hatte. Von einem nächtlichen Diebstahl waren lediglich einige zerrissene Flyer für ein „60 Jahre Israel“-Shirt geblieben. Zwar kannte ich solches Vorgehen noch von der Jugendfeuerwehr in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Während dort üblicherweise geklaute Fahnen gegen eine Kiste mit Kaltgetränken zurückgegeben werden, war hier jedoch mit so viel ironischer Distanz zur eigenen Sache nicht viel zu wollen. Zudem musste ich feststellen, dass meine Mappe mit privaten Unterlagen ebenfalls durchwühlt und von antisemitismuskritischen Flyern bereinigt wurde. Offenbar wurde mein Wunsch, meinen Privatbesitz und meine Privatsphäre inklusive ausgedruckter privater E-Mails für mich zu behalten, als Ausdruck bürgerlicher Entfremdung und fehlendes Aufgehen im Kollektiv gedeutet. Vermutlich bin ich für so viel Unmittelbarkeit noch nicht bereit.
Wenig Abhilfe schaffte dann auch ein einberufenes Plenum, in der nach der Schilderung des Sachverhaltes dieser nicht geklärt werden konnte oder sollte. Ein Genosse, nennen wir ihn Max 21, begründete, nach einem Lippenbekenntnis, dass Klauen nicht so nett ist, in ausführlicher Rede, künftig ergänzend zu unserer Israel-Fahne ein Banner „Intifada bis zum Sieg“ aufhängen zu wollen. Der in wohlbegründeter Wortwahl vorgetragene Einwand eines Hamburger Genossen, auf historische Kontinuitäten im Wunsch der Judenvernichtung hinzuweisen, kam bei seinem Adressaten jedoch nicht an.
Nach diesem Wochenende erscheint mir meine Juso-Vergangenheit in rosafarbenem Licht. Wie wohltuend war es doch dort, kritische Minderheiten als gleichberechtigte Diskussionspartner zu behandeln und lediglich mit der Arroganz der Mehrheit in Grenzen zu halten. Geschichte wiederholt sich in Jugendverbänden offenbar doch nicht, ohne jedoch die Farce zu vermeiden.

(Dominik Düber)

Tagged as: , , ,

dominik is
Email this author | All posts by dominik

2 Responses »

  1. So was nennt man auch Lüge oder Verleumdung

  2. Liebe Sarah, kannst Du vielleicht noch ein wenig erläutern was Du genau damit meinst? Welche Aussage bezichtigst Du der Lüge oder Verleumdung? Das Sascha Wagener (Mitglied im Parteivorstand) völlig betrunken Mitglieder des BAK Shalom nervte? Oder das Max Steininger versprach beim nächsten mal ne Intifada-Weltweit-Flagge mitzubringen?

Leave a Reply