60 Jahre Israel: Die Rechte von Schwulen und Lesben in Israel

By stfn • May 8th, 2008 • Category: Gesellschaft

(von http://www.hagalil.com)

Mit nur 60 Jahren ist Israel eines der jüngsten und zugleich fortschrittlichsten Länder der Welt. In Bezug auf die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten und ihre persönlichen und zivilen Rechte ist Israel mit Abstand der toleranteste Staat im Nahen und Mittleren Osten[1]…

Es gibt verschiedene Erklärungen für die breite Akzeptanz von Schwulen und Lesben in der israelischen Gesellschaft. Zum einen bildet die Familie einen integralen Bestandteil der jüdischen Gesellschaft in Israel. Daher neigen Eltern eher dazu, ihre schwulen, lesbischen, bisexuellen oder transsexuellen (LGBT) Kinder so zu akzeptieren wie sie sind, als den Familienzusammenhalt aufs Spiel zu setzen. Weil Israel so ein kleines Land ist, leben Familienmitglieder nicht weit von einander entfernt; ein starkes soziales Netz macht das Leben in der Anonymität fast unmöglich. [2] Zum anderen können Juden auf Jahrhunderte lange Erfahrungen des Verfolgtseins zurückblicken und sind daher eher aufgeschlossen gegenüber dem Schicksal von Homosexuellen, die während des Holocaust gleichfalls verfolgt und ermordet wurden. [3]
Dazu kommt, dass die innere Geschlossenheit in Israel angesichts der Bedrohungslage von außen erste Priorität genießt, während gesellschaftliche Debatten wie etwa über Homosexualität in der Regel in den Hintergrund treten. [4] Die israelische Gesellschaft ist darüber hinaus überwiegend westlich orientiert und in vielen Fragen liberaler als seine Nachbarn im Mittleren Osten eingestellt. Als demokratischer Staat fördert Israel die Rechte aller seiner Bürger, ungeachtet des Geschlechtes, der Religion oder der ethnischen Zugehörigkeit.

Die Rechte von Homosexuellen sind gesetzlich geschützt. [5] Eine außerhalb Israels geschlossene homosexuelle Ehe wird vom Staat anerkannt, und Paare gleichen Geschlechts dürfen Kinder adoptieren. [6] Schwule und Lesben dienen in der Armee. [7] Geschlechtsumwandlungen sind erlaubt und werden durchgeführt. [8] Die LGBT-Gemeinde wird von weiten Bevölkerungsteilen akzeptiert. Lesben und Schwule sind in der Politik, im Wirtschaftsleben, im Rechtswesen, in den Streitkräften und in der Kulturszene vertreten. In der Tat kann man in Tel Aviv eine der lebendigsten schwul-lesbischen Szenen der Welt antreffen. [9]

Wegen der hier gewährten Freiheit einerseits und der Intoleranz gegenüber Homosexuellen in muslimischen Staaten sowie in palästinensischen Autonomiegebieten andererseits, ist Israel zu einem sicheren Zufluchtsort für homosexuelle Palästinenser geworden, die vor Repressalien im Westjordanland und im Gazastreifen flüchten. In diesen Gebieten fallen Homosexuelle schweren Anfeindungen durch die eigenen Familien, ihre Gemeinden, die radikalislamische Hamas und die palästinensische Autonomiebehörde zum Opfer. [10]

Dennoch gibt es Gegner der schwul-lesbischen Gemeinde in Israel, vor allem seitens der ultra-orthodoxen jüdischen Bevölkerungsgruppen sowie den ultra-orthodoxen Parteien, die in der Knesset, dem israelischen Parlament, [11] vertreten sind.

Als 2006 jüdische Vertreter der Ultra-Orthodoxen, der christliche Klerus und muslimische Glaubensvertreter Jerusalems Proteste gegen die geplante Gay-Parade, des „Gay Pride“, anmeldeten, musste die Parade in das Sportstadion der Hebräischen Universität verlegt werden. [12] Dazu wurden auch abschätzende Bemerkungen über Homosexuelle seitens ultra-orthodoxer Knesset-Abgeordneten laut. [13] Einige Gruppierungen haben sich – allerdings erfolglos – bemüht, die israelische Gesetzgebung, die Homosexuellen volle Freiheit und Gleichberechtigung [14] zuspricht, zu einzudämmen.

In Reaktion auf den heftigen Widerstand seitens orthodoxer Gemeinde-Mitglieder haben einige orthodoxe Juden, die sich selbst zu ihrer Homosexualität bekennen, im Februar dieses Jahres eine Kampagne gestartet, deren Ziel es ist, religiösen Homosexuellen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Einer der Gründer dieser Web-Initiative (HOD - eine hebräische Abkürzung für religiöse Homosexuelle), ist der bisher einzige Rabbiner in Israel, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. [17]

Schwule und Lesben in der Politik

Es gibt offen lebende Schwule und Lesben im öffentlichen Leben Israels, die Parlamentsmitglieder oder Richter in Amtsgerichten sind. Einige Beispiele:

2002 wurde Dr. Uzi Even als erster geouteter Homosexueller in die Knesset gewählt. 2006 verließ Even, der jetzt nicht mehr Mitglied der Knesset ist, die linksorientierte Meretz-Partei und schloss sich der Arbeitspartei [18] an.

1998 wurde Michal Eden zum Magistratsrat in Tel-Aviv gewählt. Damit wurde sie zur ersten Frau im öffentlichen Leben Israels, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt. [19]

2003 wurde Saar Netanel, Mitglied der Meretz-Partei, der erste Stadtrat in Jerusalem, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. [20] Im gleichen Jahr wechselte Etai Pinkas Michal Eden als Stadtrat in Tel-Aviv ab. [21] Pinkas war früher Berater der Meretz-Partei. [22]

Rechtslage – Jüngste Entwicklungen

Während der vergangenen zwei Jahrzehnte wurden große Fortschritte in der Gesetzgebung gemacht. Zusätzlich zur Anerkennung der im Ausland geschlossen gleichgeschlechtlichen Ehe [23] und zur Anerkennung des Rechts auf Adoption von Kindern durch lesbische und schwule Paare [24]gibt es noch einige nennenswerten Beispiele:

12. Februar 2008: Die Regierung Israels beschließt, dass homosexuellen und lesbischen Paaren die gleichen Adoptionsrechte gebühren wie Paaren beiderlei Geschlechts. [26] Vorher konnten solche Paare nur Kinder adoptieren, wenn ein Partner der biologische Vater oder die biologische Mutter des Kindes war. [27]

März 2007: Das Kultur- und Bildungsministerium erkennt die Jugendorganisation der Schwulen und Lesben (IGY) an, was dem Verband in den Genuss staatlicher Fördergelder bringt. [28] IGY wurde 2002 vom GLBT-Verband (Aguda) gegründet und ist ein freiwilliger Verband zur Unterstützung homosexueller Jugendlicher im Alter von 15 bis 23 Jahren. [29]

Januar 2007: In einem Zivilamt in Jerusalem wird die erste gleichgeschlechtliche Ehe, von Avi und Binyamin Rose, eingetragen. [30]

November 2006: 5 in Kanada verpartnerte homosexuelle Paare werden in Israel eingetragen und gelten hier als gleichberechtigte Lebenspartner. Die Entscheidung des obersten Gerichtshofs bildet damit einen Präzedenzfall. [31] (Das Ehepaar Rose, verehelicht im Juni 2006, zählt nicht zu diesen 5 Paaren.) [32

Juli 2003: Die Stadtverwaltung von Tel-Aviv bewilligt homosexuellen Lebensgemeinschaften die gleichen Ermäßigungen beim Zutritt zu Sportanlagen und anderen Einrichtungen, [33] die normalerweise heterosexuellen Ehepaaren gewährt werden.

1998: Die Civil Service Commission gesteht gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern Pensionsrechte zu. [34]

1997: Der oberste Gerichtshof stürzt den Beschluss des damaligen Bildungsministers Zevulun Hammer, eines Mitglieds der National-Religiösen Partei („Mafdal“), eine Fernsehsendung über homosexuelle Teenager zu verbieten. [35]

November 1994: Der Oberste Gerichtshof spricht dem gleichgeschlechtlichen Partner eines El-Al-Flugbegleiters die vollen Ehegatten-Rechte zu wie Mitarbeitern mit Partnern anderen Geschlechts. Damit bahnt die Gesellschaft den Weg für die Gleichstellung weiterer homosexueller Partner. [36]

1993: Die ehemalige Knesset-Abgeordnete Yael Dayan bildet einen Unterausschuss für die Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität. [37] Im gleichen Jahr wird in den israelischen Verteidigungskräften eine Anti-Diskriminierungs-Klausel eingeführt. Zuvor hatte Dr. Uzi Even, Armeeoffizier, vor einem Knessetausschuss ausgesagt, dass er diskriminiert und seiner Unbedenklichkeitsbescheinigung enthoben wurde, als das Militär von seiner Homosexualität erfuhr. Even wurde später der erste Abgeordnete der Knesset, der sich bei seiner Wahl zu seiner Homosexualität bekannt hatte. [38]

1992: Die Knesset verbietet Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund von sexueller Orientierung. [39]

22. März 1988: Die Knesset hebt ein Gesetz auf, wonach Homosexualität strafbar ist.[40]

1975: Die erste israelische Organisation für Schwule und Lesben, die Gesellschaft für den Schutz persönlicher Rechte (SPPR) wird gegründet. Heute ist diese Organisation (Aguda) als der Verband israelischer Schwulen, Lesben, Bisexueller und Transgender (GLBT) bekannt. [41]

Homosexualität und Militärdienst

Die Armee spielt in Israel eine zentrale Rolle; für die Gesellschaft ist der Militärdienst ein integraler Bestandteil der Bürgerpflichten. Der Dienst in der Armee ist Pflicht für fast alle Israelis. (Arabische Staatsbürger und orthodoxe Juden sind vom Militärdienst befreit.) [42]

Offen lebende Schwule und Lesben können in der Armee dienen. Im Gegensatz zur U.S.-Armee wird in Israel nicht nach der Devise „Keine Frage, keine Antwort“ [44] gehandelt. Es gibt keine Einschränkungen, weder bei der Rekrutierung noch bei der Beförderung von Lesben und Schwulen. [45] Die israelische Armee ist eine von 24 in der Welt, in der Schwule und Lesben dienen und sich dabei offen zu ihrer Homosexualität bekennen dürfen. [46]

2007 hat die California University in Santa Barbara eine Studie mit 17 israelischen Soldaten durchgeführt. Nur zwei gaben an, dass sie ein Problem damit hätten unter einem homosexuellen Vorgesetzten zu dienen. Drei drückten ihre Bedenken aus, mit einem homosexuellen Kollegen gemeinsam zu duschen. Kein einziger hatte generell etwas gegen homosexuelle Soldaten einzuwenden. [47]

Israelische Filmen wie „Yossi und Jagger“ und „The Bubble“ thematisieren das Thema von Schwulen in der Armee. [48]

Bereits 1993 wurde die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in der Armee verboten. [49]

Gay-Kultur

Lesben und Schwule sind ein fester Bestandteil des israelischen Kulturlebens. Themen, die sich mit Homosexualität befassen, bilden in Film, Theater, in der Musik und in der Literatur keine Ausnahme. In Tel-Aviv gibt es eine rege Gay-Szene mit Restaurants, Bars und Clubs. [50]

Der israelische Sänger Ivri Lider und der Regisseur Eytan Fox (Verknüpfung zum Profil) wurden von der amerikanischen Zeitschrift Out zu 2 von insgesamt 100 wichtigsten homosexuellen Persönlichkeiten in der Welt gewählt. [51]

Im Jahr 1999 hat die transsexuelle israelische Sängerin Dana International (Verknüpfung zum Profil) Israel beim Eurovision-Wettbewerb vertreten und wurde zur Siegerin auf den ersten Platz gewählt. [52] In einer Umfrage haben 80 Prozent der befragten Israelis Dana als „eine würdige Repräsentantin Israels“ bezeichnet. [53]

Laut Bericht der Zeitung San Francisco Chronicle spielen schwul-lesbische stories häufig eine Rolle in israelischen Fernsehserien. [54] Einige der populärsten israelischen Filme beschäftigen sich mit homosexuellen Themen: „Walk on Water“, “Yossi und Jagger” und “The Bubble”. [55]

Tel-Aviv: Die Gay-Metropole Israels

Tel-Aviv ist die Kultur- und Finanz-Metropole des Landes. [57] Die Zeitschrift Out nannte Tel-Aviv die “Gay-Metropole des Nahen Ostens”, [58] aber die Stadtverwaltung und die Verantwortlichen im Touristikministerium haben noch grandiosere Pläne für die Gay-Szene der Stadt: Sie wollen Tel-Aviv zur „Gay-Metropole der Welt“ und die Stadt zum wichtigsten Anziehungspunkt der internationalen schwullesbischen Gemeinde machen. [59]

Seit 1990 ist die Stadt Tel-Aviv Gastgeberin des größten Gay Pride im Nahen Osten. 2007 nahmen daran 20.000 Menschen teil. [60] In der Stadt ist auch Bet-Dror beheimatet, die einzige Notzufluchtstelle in Israel für LGBT-Jugendliche, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aus ihren Familien ausgestoßen wurden. [61] Das schwullesbische Nachtleben in Tel-Aviv kann sich leicht mit dem in New-York oder London messen. Es gibt Bars und Clubs für Schwule und Lesben, die bis in die frühen Morgenstunden geöffnet sind. [62]

Rechtslage von Schwulen und Lesben in Israels Nachbarländern

Im Vergleich zu den arabischen Nachbarländern ist Israel toleranter und zeigt viel mehr Akzeptanz für Schwule und Lesben. [63] Homosexualität ist legal, und Homosexuelle genießen gesetzlichen Schutz. [64] Ganz anders die Lage in den anderen Ländern der Region, wie etwa in Libanon, in Lybien, Syrien, Iran und Saudi-Arabien.

In Iran werden homosexuelle Männer und lesbische Frauen zum Tode verurteilt und in öffentlichen Exekutionen gehängt. [65] In Saud-Arabien reicht das Strafmaß von Freiheitsentzug bis Auspeitschen zum Tode. [66] In Syrien kommen Schwule und Lesben mit dreijährigen Freiheitsstrafen davon. [67] Obwohl Homosexualität im technischen Sinne in Jordanien und in den palästinensischen Autonomiebieten gesetzlich nicht verboten ist, sind Schwule und Lesben dort nicht gesetzlich geschützt und können Opfer von Übergriffen werden. [68] Schwule und Lesben in Jordanien suchen häufig Asyl im Ausland oder werden von den eigenen Familienmitgliedern im Rahmen des so genannten „Schutzes der Familienehre“ [69] verfolgt, was nichts anderes ist als der Mord an eigenen Familienmitgliedern, typischerweise an weiblichen Personen, die angeblich den guten Ruf der Familie geschändet haben. Frauen können Opfer dieser „Ehrenmorde“ werden, wenn sie ohne das Einverständnis der Familie heiraten, der westlichen Kultur „verfallen“, Ehebruch begehen, sich weigern, einer von der Familie geschlossenen Zwangsehe zuzustimmen oder auch weil sie vergewaltigt wurden. [70]

Homosexuelle Palästinenser flüchten oft nach Israel, weil sie im Westjordanland und im Gaza-Streifen von den palästinensischen Behörden oder von der Hamas [71] verfolgt werden. Die palästinensische Autonomiebehörde sieht in Homosexuellen israelische Kollaborateure. [72] Es gibt einige Fälle, bei denen Israelis Palästinensern, die wegen ihrer Homosexualität verfolgten wurden, das Leben gerettet haben:

Im März 2008 erteilte das Militär eine Bewilligung für den temporären Aufenthalt eines 33-jährigen Palästinensers, der behauptete von anderen Palästinensern Todesdrohungen erhalten zu haben. Der Mann hat mehrmals an die israelische Regierung appelliert, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, um mit seinem Partner, mit dem er zu dem Zeitpunkt seit acht Jahren zusammen war, in Tel-Aviv leben zu können. [73]

Ein 22-jähriger Palästinenser wurde fast erschlagen, als seine Familie von seiner Homosexualität erfuhr. Nachdem sein Bruder ihn gefesselt und geprügelt hatte, verhalf ihm seine Mutter zur Flucht. Als er erfuhr, dass ihm die Familie auf die Spur gekommen war, flüchtete der Mann aus Gaza nach Israel. [74]

Ein homosexueller Amerikaner, der mit seinem Freund im Westjordanland lebte, flüchtete nach Israel, nachdem er unter seiner Tür eine Vorladung zum islamischen Gericht fand. Der Brief enthielt die Beschreibung von fünf Arten der Tötung, die der Islam bei Sexualstraftaten vorschreibt, darunter Steinigung und Verbrennung. [75]

Im Jahre 2003 wohnten und arbeiteten in Israel 300 anonyme (getarnte) homosexuelle Palästinenser. [76]

Shaul Ganon, ehemaliges Mitglied des in Tel-Aviv ansässigen Israelischen GLBT-Verbands, sagt, dass die palästinensische Polizei seit 2000 das islamische Recht anwendet, wodurch es praktisch „unmöglich ist, offen als Homosexueller in der palästinensischer Autonomiebehörde zu leben“. [77]

Weitere Information über den rechtlichen Status von Homosexuellen, Lesben, Bisexuellen und Transgender im internationalen Vergleich bieten folgende Webseiten: Amnesty International’s Interactive Map oder Sexual Minorities and the Law: a World Survey.

Anmerkungen: glbt.israel-live.de
LGBT-Verbände und -NGOs
Fussnoten

Quelle: TIP (The Israel Project)

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2 Responses »

  1. [...] shalom erklärt, wieso homosexuelle in israel auf „breite akzeptanz“ stoßen. zB: Zum anderen1 können [...]

  2. [...] Instrumentalisierung des Themas Homophobie durch Organisationen wie BAK Shalom, welche sich für das Schicksal von palästinensischen Männern, die Sex mit Männern, und Frauen, [...]

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